Notizbuch der Grabsprüche – Leseproben

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In der „Frankfurter Anthologie“
vom 20. Dezember 2014 (Nr. 296, S. 16) erscheint
„Noël! Noël!“
zusammen mit meinem Selbstkommentar
„Weihnachtsbirnen an einem Sommertag“.
Lesen Sie beides hier [PDF]

**Maibanner

ich habe Glücksfälle für dich
erfunden Unglücksfälle Abbruchhalden
da liegst du rostfrei inmitten aller
Herrlichkeiten totgeglaubter Zufallsparadiese

die Wahrheit ist kleiner!
kleiner als ein Haar? Wie es
wahr ist wenn du liebst

ich habe einen Idyllendichter
in einem Steinhaus so lange
mit Kehricht gefüttert und er
narrt mich mit einer Blüte
strenger Poesie!

**Weg nach Varengeville

endlich auch seine Briefmarke gesehen
luftgeschneidert
die Zacken sind Salzkristalle

und hinter einem Kreidefelsen lag
mein früheres Leben
ein junger toter Rochen
von der Flut über den Stein
geblättert und vom wahnsinnig
wegsinkenden Meer verlassen

später kam es als Junge über den Strand
in jeder Hand am langen Ende baumelnd
ein junger toter Rochen

zwei sind es zwei oder keins

und wieder wie der
Kies am Meer

**Metro, Meer

wir fuhren rasend durch das schwarze lange Loch
schon nach Porte de Clignancourt und Rotem Schloß
schärfer als die Sekunden liefen Engel oder Schläger
mit Stöcken auf die Plattform und prügelten die Scheiben ein
die Waben aus dem falschen Eis
das Glas fuhr wie irre Bienen uns um die Ohren ich drehte
den Kopf ab in deine Furche
ich spürte nur dein Herz in meinem Nacken
ich lebe noch sagte ich ich war wie verwundert

wir haben diesen schweren schlechten Wein getrunken
aber das war es nicht ich sah uns im Wasser treiben
wie Badende ohne den Schmutz der Kleider
wie zwei flatternde Kälber von strengen Walen
du und ich der gleiche Strohhalm in beiden Seelen
ich saugte an deinem Delta verlor das Alphabet
wir küßten uns die Ohren und froren nicht
die kleinen Propheten deiner Finger lallten
lasen im Wasser ihr glashelles Buch
aber unsere Augen gingen plötzlich zu
als ob sie sich noch schämten

Animula vagula blandula
hospes comesque corporis
quae nunc abibis in loca
pallidula rigida nudula
nec ut soles dabis iocos

HADRIAN
Römischer Kaiser 117–138

**Auf dem Sterbebett: Hadrian

I
SEELCHEN steigst aus dem Schälchen dem Kehlchen
schälst dich heraus-aus dem Körper
gehst fort in die Fort-Orte
bleich-steif-nackt
wirst nicht mehr spielen mit mir!

II
SEELELCHEN Wägelchen Bändelchen
Gästin-Gefährtin des Leibes
die du nun fortgehst in andere Orte
Bleichelchen Steifelchen Nüdelchen
wirst nicht mehr scherzen wie vorher
mit mir!

III
SEELELCHEN Schmetterling Schmeichlerin
schleichst dich weg aus deinem Leibesding
gehst fort in jene Orte hin
schleichst so bleich und nicht mehr weich
wirst – Schmerz – nicht mehr scherzen
nicht mehr!

**Noël! Noël!

einmal kam
mit seiner dreijährigen Tochter
ein Müder Meister von Orléans nach Orléans
25 Jahre Haft längst in
seinen Knochen im Ohr das Schlagen
einer englischen Glocke in der Hand
die Asche von Sternen

an einem sommersprossigen siebzehnten Juli
und Kinder schrieen
fröhlich: Noël! Noël!

Solange schreibt man Angst bis sie es
nicht mehr sehen kann
solange hältst du auf dein Glück zu bis
es dir in den Rücken fällt
solange schreit man Weihnacht!
bis sie kommt

FAZ: Frankfurter Anthologie – „Noël! Noël!“ von Ralph Dutli
Sprecher: Thomas Huber
Video auf Youtube veröffentlicht am 08.03.2016

**Ein Tödlein aus Ambras

aus der Wunderkammer tänzelnd den Raum einpackend
das Spielbein ist Standbein
o schweigsame Birnbaumbagatelle
Zentimeterchen zweiundzwanzigeinhalb hoch
schielendes Pseudo-Amörchen mit den aberfalschen Pfeilen
dem Flitzbogen: Mensch! von Embryo-Größe
ein geschnitztes Tödlein o Pink Blue Baby Ribbon!
ohne Sehne du hast keine Sehne
ohne alles was es ausmacht
ultimatives Schnuckelchen
bitter-Birnenschmatz Parade-Schnitzelchen
in extremem Kontrapost
pfeilklein
klein sein
Aberpfeil

Aufgenommen in: Peter von Matt / Dirk Vaihinger (Hrsg.):
„Die schönsten Gedichte der Schweiz“
Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2002, S. 204

**Neun Oliven, 2

das simple Design der Wunder
das schmeichelnde Faseln des Glücks
wenn du es endlich im Mund trägst
festfleischiges Merkmal das
die Fantasie vermehrt
ölhaltig! kirschgroß & mundgerecht
wie nur die Poesie
das Öl der langen Tage
der liebenden Gelenke
wenn die Laute denken
aber: Leise!

Aufgenommen in: Peter von Matt / Dirk Vaihinger (Hrsg.):
„Die schönsten Gedichte der Schweiz“
Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2002, S. 205