Kabel an Pasternak, Luftpost an Rilke

(► Marina Zwetajewa – Übersicht)

Mein Beitrag für den Katalog der Ausstellung

„Russische Freundschaften: Rilke – Zwetajewa – Pasternak“
(Fondation Rilke, Sierre/Siders, Maison de Courten,
Rue du Bourg 30, 30. Juni bis 29. Oktober 2006)

Kabel an Pasternak, Luftpost an Rilke

Ein Aufschwung der Seele:
Marina Zwetajewas Poesie als Fern-Schreiben und Fern-Liebe

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Die richtigen Briefe kommen gar nicht aufs Papier.
Marina Zwetajewa an Boris Pasternak, 23. Mai 1926

Die Antwort erschrak. Ich nahm den ganzen Widerhall vorweg.
Marina Zwetajewa an R. M. Rilke, 14. Juni 1926 [1]

Marina Zwetajewa suchte immerzu die Intensität des geistigen Kontaktes zum fremden, fernen oder toten Dichter-Gegenüber. Oder besser: Nicht-Gegenüber, denn gerade die Abwesenheit oder Ferne war Bedingung und Motor für das Gespräch. Von Dichter-„Kollegen“ zu sprechen, wäre hier unangemessen banal. Es sind sprechende oder stumme Mit-Götter, jedenfalls schlichtweg Über-Größen, selbst wo sie sich den andern Dichter verjüngt und verkindlicht, wie etwa Ossip Mandelstam in ihrem Gedicht vom 18. Februar 1916 („Du wirfst den Kopf zurück beim Reden“): „Den zehnjährigen Jungen lieb ich / In dir, den göttlichen! verehre ich.“ [2]

Marina Zwetajewa bekannte sich zu jener genuinen „Maßlosigkeit“ des Dichters in einer „auf Maß bedachten Welt“, die sie in dem Gedicht Der Dichter von 1923 beschwor. Sie suchte dauernde Steigerung und Verdichtung der Emotion (also der Sprache), eine permanente Selbst–Überbietung in der Verschwendung von Gefühl und sprachlicher Hingabe. Ihre Stimme strebte „in die einzige für sie mögliche Richtung: nach oben“, wie es Joseph Brodsky in seinem Essay über Marina Zwetajewas Neujahrsbrief für Rilke ausdrückte. [3]

Ein Drei- oder Viersprung emotionaler-poetischer Steigerung, auf dem Weg zum „höchsten Ton“, führte von den Gedichten an Ossip Mandelstam (1916) über die Gedichte an Blok (1916–1921) zu dem an Boris Pasternak gerichteten Prager Zyklus Kabel (1923) und von dort zum Neujahrsbrief nach Rilkes Tod am 29. Dezember 1926.

Für die hochgespannte Anrede des toten Rilke im Neujahrsbrief von Anfang 1927 hatte sie schon vier Jahre zuvor „geübt“, sich unbewußt „eingestimmt“ – und zwar gerade mit dem Dichter Boris Pasternak, dem dritten Element des inspirierten Briefwechsels vom Sommer 1926. Der kühne Neujahrsbrief an Rilke wäre schwer denkbar ohne die „Vorstufe“, den Zyklus Kabel für Pasternak.

„Daß alle ich in dir verliere“

Im Mai 1922 verließ Marina Zwetajewa Sowjetrußland und emigrierte nach Berlin. Am 1. August zog sie weiter nach Prag, wo ihr Ehemann, Sergej Efron, nach der Niederlage der „Weißen“ im russischen Bürgerkrieg (in deren Reihen er gegen die Rote Armee gekämpft hatte), nach Zwischenhalten in Gallipoli und Konstantinopel gelandet war.

Zwetajewa „verpaßte“ Pasternak 1922 im „russischen Berlin“ der Emigranten: Er brach im selben Monat August nach Berlin auf, in dem sie nach Prag weiterzog (und er blieb den ganzen Herbst und Winter 1922/1923 dort). In Berlin aber schrieb sie ihren ersten bedeutenden Essay – über Boris Pasternaks Gedichtband Meine Schwester das Leben (1922). Er trug den Titel Lichtregen. Die Poesie des Ewigmännlichen. Auch die erste Prager Zeit war geprägt von der Sehnsucht nach dem „abwesenden“, nun wieder in Moskau lebenden Pasternak. Den Höhepunkt dieses Sehnsucht-Rituals bedeutete Marina Zwetajewas zehnteiliger Gedichtzyklus Kabel (russisch: „Provodá“), entstanden vom 17. März bis zum 11. April 1923.

Der Zyklus verwebt Paare der griechischen Mythologie (Orpheus und Eurydike, Theseus und Ariadne, Phädra und Hippolyt) und modernes Fernmeldewesen, Telegraphen-Metaphorik und Tragödien-Tradition von der griechischen Antike bis Shakespeare und Racine, nur um das Scheitern von deren Sprache und Gesten zu konstatieren, in einer gewaltigen Absage an die Literatur (bei gleichzeitig tätiger lyrischer Beschwörung ihrer magischen, Raum und Zeit überwindenden Kräfte). Am 18. März 1923 in Kabel, 2:

**Um dir es hier zu sagen ... nein gereiht
Zu Reimen heißt: gepreßt ... Das Herz ist – weiter!
Ich fürchte nur, für dieses Elend reicht
Nicht Racine aus, der ganze Shakespeare scheitert!

(…)

Doch diese Folter! Ohne Ufer, Rand!
Denn ich versichere dir, beim Zählen mich verlesend,
Daß alle ich in dir verliere, samt
Den irgendwann und irgendwo einst Nichtgewesenen! [4]


In ihrem Brief an Rilke vom 9. Mai 1926 wird sie sich genau daran erinnern: „Den Boris kenn ich sehr wenig und liebe ihn wie man nur Nie-gesehene (schon gewesene oder noch kommende: nach-kommende) Nie-gesehene oder Nie-gewesene liebt.“ Der Vers „Daß alle ich in dir verliere“ ist eine Art Zwetajewa-Emblem – diesen Gedanken wird sie in dem am 27. Februar 1927 abgeschlossenen Prosatext Dein Tod wiederaufgreifen, der mehrere Tode (eine Frau, ein Kind) und Rilkes Tod ineinanderwebt: „Vertieft in deinen Tod, Rainer, dem ich alles einverleibte, was ich bis zu diesem Zeitpunkt erlitten hatte: den stolzen Tod der Mutter, den hoch-ergreifenden des Vaters, weitere, viele...“ [5]

Die Beschwörung aller tragisch Getrennten – und die gleichzeitige Aufkündigung der Glaubwürdigkeit literarischer Tragödien – mündet am Schluß des zweiten Kabel-Gedichts in eine blinde Suchbewegung nach dem Abwesenden:

**In welchen Meeren, welchen Städten soll
Ich suchen jetzt? (Dich Unsichtbaren – ich, die Blinde!)
Ich laß dieses Geleit den Leitungskabeln, voll
Von Tränen – mich an Telegraphenmasten bindend. [6]


Die Metaphern kreisen im ganzen Zyklus um das Telegraphenwesen, die Erfindung des Fern-Schreibens, in welche die Fern-Liebe sich einschreibt.

Vierte Dimension und fünftes Element

Das vierte Kabel-Gedicht vom 20. März 1923 inszeniert in dem von der Form, dem Metrum (also dem Maß) abgesteckten Rahmen die Maßlosigkeit, den Bruch des Metrums, des Maßes. Der Schrei bricht los, wo die Form versagt. Hier die 2. und die 3. Strophe:

**Meiner – hochfliegenden – Wünsche
Schrei in den Wind – aus dem Bauch!
Dies mein Herz als magnetischer
Funke – bricht das Metrum – auf.

„Metrum und Maß?“ Doch die vier – te
Dimension rächt sich! Rase, du Schrift,
Hinweg über metrische, matte, geschirrte
Falsche Zeugenschaft – als Pfiff! [7]


Das Gedicht spricht von Psyche und Physis, von Wünschen und Schrei, von Bauch und von Herz, von Stirn und Händen und Mund. Es spricht von Zubehör des Telegraphenwesens wie Kabel, magnetischen Funken, Masten. Es spricht von prosodischen Gegebenheiten wie Metrum, von kulturellen wie Schrift und Wort, von konventionell poetischen wie Nachtigall, Leier oder Lyra, Leila, der arabischen Muse. Und diese drei Themenstränge werden nun ineinander getrieben und verzwirnt zu einem poetischen Kabel, einer Laut-Leitung, in abgehackten, von einer Vielzahl von Gedankenstrichen durchsetzten Versen in Fetzen. Das Gedicht spricht von der „vierten Dimension“ der Poesie, ihrer die Formen sprengenden Emotion, Energie und Anarchie. [8] Als „das verkörperte fünfte Element: die Dichtung selber“ wird Marina Zwetajewa in ihrem Brief vom 9. Mai 1926 Rilke bezeichnen. [9] Vierte Dimension und fünftes Element: Dichtung ist Überbietung.

Auf dem Sterbebett

Um aber den Anruf des Abwesenden noch zu steigern, muß die lyrische Sprecherin den Adressaten und unzweifelhaft lebenden Dichter Pasternak in Kabel, 5 vom 25. März 1923 auch noch als Toten imaginieren – was wichtig sein wird für das Gedicht an einen realen Toten, den Rilke des Neujahrsbriefs. In einer Selbst-Beschwörung schreibt sie sich magische Kräfte zu – die Macht einer physischen Überwindung des Todes. Und auch das ist ein Motiv ihres postumen Anrufs an Rilke, der nicht tot sein kann, solange eine Dichterin wie Zwetajewa ihm zuruft. Der ferne Andere wird in Kabel, 5 auf dem Meeresgrund imaginiert, in allen Dingen und – auf dem Sterbebett:

**Keine Schwarze Magie! Im weißen
Buch des Don-Lands schärfte ich meinen Blick!
Wo immer du auch seist – ich werde dich erreichen,
Mein Leiden löst dich aus – ich hole dich zurück.

Von meinem Stolz herab, der hohen Zeder,
Schau ich auf diese Welt: der Schiffe Lauf,
Die Feuerröten streunen… Das Innere der Meere
Wende ich um – und bringe dich vom Grund herauf!

Nun los, durchleide mich! In allen Dingen
Bin ich: im Erz, im Seufzer, tief im Brot
Bin ich und werde sein und deine Lippen
Erringen – wie Gott die Seele endlich holt:

Noch durch das Atmen deiner Röchelstunde,
Noch durch den Rutenzaun der Engel rett
Ich dich! An Dornen meinen Mund ausblutend
Entreiß ich dich dem Sterbebett! [10]


Auf die hochgemute Beschwörung der eigenen, noch den Tod überwindenden Kräfte folgt die Konstatation eines ewigen Scheiterns, die genauso zu Marina Zwetajewas Mythen-Inventar gehört, und einer ewig währenden Trauer im neunten Kabel-Gedicht vom 5. April 1923, das in einem resignativen Schlußvers die Unfreiheit der Beteiligten festhält: „Nur Sklaven – Sklaven – Sklaven – Sklaven“.

Begegnung im Traum, die Zeugung des Gedicht-Kindes

Dieses 9. Gedicht träumt von einer Begegnung im Traum – ein wichtiges Phantasma im Zeichen von Hypnos und Morpheus, das auch im Briefwechsel mit Rilke wiederauftauchen wird:

**Das Frühjahr bringt den Schlaf. Komm, schlaf jetzt ein.
Wenn auch getrennt, erfüllt sich’s, schau:
Alle Vereinzelung – vom Schlaf vereint.
Vielleicht sehn wir uns noch im Traum. [11]


Im Brief an Rilke vom 2. August 1926: „Du bist was ich heut nacht träumen werde, was mich heut nacht träumen wird. (…) Wenn jemand uns zusammen träumt – dann treffen wir uns.“ [12]

Doch bei aller Beschwörung des Scheiterns: Die Sprecherin hat längst nicht alle ihre Kräfte ausgespielt. Im zehnten und letzten Kabel-Gedicht vom 11. April 1923 phantasiert sie eine Art poetischer Schein-Schwangerschaft. Das Kind, das sich Zwetajewa von Pasternak wünschte, aber nie bekam, muß sie selber zeugen und austragen:

**Schau das Wunder
Des Innern – unterm Schoß ein Kind, lebendig:

Das Lied! Mit diesem Erstling, leerer
Als alle Erstgebornen, alle Rachels ...
Mit Scheinbarkeiten bin ich schwerer
Als wahre Frucht: und dir vermach ich’s! [13]


Das Gedicht (das Lied) also ist das künstlich gezeugte Kind, das die Sprecherin dem fernen Adressaten schenkt, übermacht.

Ent – fernung und Ver – schmelzung

Die Trennung aber war endgültig. Zwei Jahre später, am 24. März 1925 (zwei Jahre nach Kabel, ein gutes Jahr vor dem „Rilke“-Sommer), wird Marina Zwetajewa ebenfalls aus Prag noch einmal ein Gedicht an Pasternak richten, das in einer Hymne die Trennung zelebriert – und zugleich die letzte Vereinigung.

**ENT – FERNUNG: die Wersten, Meilen...
Sie haben uns ver – pflanzt, uns zer – teilend,
Daß jeder leis und still sich hält
Am andern Ende dieser Welt.

Ent – fernung: die Wersten, Weiten...
Entleimt, entlötet haben sie uns, entzweiend
Zu zwei Armen aus – einander: ans Kreuz,
Und wußten nicht, daß das Verschmelzung heißt

Der Eingebungen, Adern und Sehnen...
Nicht verfeindet, entfremdet – nur fernweg uns dehnend, zerlegend...
In Mauer und Graben.
Zertrennt uns ansiedelnd wie die Adler –

Wie Verschwörer: die Wersten, Weiten...
Nicht zerrüttet, zerstritten – nur verloren zuzeiten.
In die Elendsviertel: den irdischen Dreck
Haben sie uns wie zwei Waisenkinder gesteckt.

Am wievielten schon, März? Na, wieviel?
Haben sie uns verteilt – wie ein Kartenspiel! [14]


Das Gedicht beschwört mit einer hämmernden, ständig wiederkehrenden Vorsilbe des Verbs, mit dem russischen Präfix „ras“, die Trennung, den Ab-schied, eine Di-stanz, eine Ent-zweiung und Ent–fernung. Und paradoxerweise eine Ver-schmelzung, eine Legierung (russisch: „splav“) der „Eingebungen, Adern und Sehnen“ („vdochnovenij i suchožilij“). Es zelebriert das Paradox des getrennten Vereintseins, des vereinigenden Abschieds, der fernen Nähe – lauter Pfeiler, auf denen die epistolarische Liebschaft mit Rilke und der Neujahrsbrief ruhen werden.

Joseph Brodsky bezeichnete den Neujahrsbrief als Höhepunkt in Zwetajewas Schaffen, ja sogar als Höhepunkt der russischen Dichtung insgesamt. [15] Als sie im Januar 1927 zum Flug hin zum „Höchsten“ ansetzte, hatte sie bereits alle poetischen Mittel erprobt, die sie dafür brauchte: Telegramm-, also Kabel-Stil, Abgehacktheit (der Silben, der Stimme), Atemlosigkeit, emotionale Intensität. Lauter Mittel, die sie sich im zehnteiligen Pasternak-Zyklus Kabel von 1923 angeeignet hatte.

Pasternak ist – Ferne. Rilke ist – Höhe, wie im Neujahrsbrief mehrfach betont wird: „Anfangslose Höhe ohne Ende“ und „Sicher siehst Du besser – Du bist oben“. [16] Pasternak war ihr poetisches Sprungbrett oder die Anlaufpiste für den Flug zu Rilke. Marina Zwetajewa an Rilke, am 12. Mai 1926: „Von mir zu Dir darf nichts fließen. Fliegen – ja!“

Für die Botschaft an Pasternak brauchte sie den Telegraphen, für den Anruf Rilkes die sublime Luftpost der Poesie. Und damit sind nicht nur die vordergründigen pragmatischen Fernmelde-Mittel benannt: In Wahrheit ging es um einen Aufschwung der Seele, um eine Seelen-Reise in einem urtümlichen, magisch-schamanistischen Sinne – hin zu Rilke, der sich auf „Himmelfahrt“ befand. Um ein Gespräch mit den Geistern, d.h. mit dem Geist der Poesie, der den Namen Rilke trug.

Daß sie nachträglich so manches von ihrem Pasternak-Phantasma auf ihre Rilke-Phantasie übertrug, bekennt sie selber in ihrem Brief an Pasternak vom 9. Februar 1927: „Das Gedicht über Dich und mich – der Anfang des „Versuch eines Zimmers“ – ist zu einem Gedicht über ihn und mich geworden, jede Zeile.“ [17]

Gemeinsame Heldin Magdalena

Zwischen Rilke und den beiden russischen Dichtern webt und steht ein Netz merkwürdiger gemeinsamer Passionen. Ein Beispiel nur: die Figur Maria Magdalenas. Die Figur der biblischen „Ehebrecherin“, „Sünderin“, „Büßerin“ und „Zeugin der Auferstehung“ faszinierte alle drei in auffälliger Weise. Rilke beschwört in dem Gedicht Pietà (Paris, Mai/Juni 1906) der Neuen Gedichte eine erlösungsferne späte Rolle Magdalenas, in einem Moment zwischen Kreuzabnahme und Grablegung.

**PIETÀ

So seh ich, Jesus, deine Füße wieder,
die damals eines Jünglings Füße waren,
da ich sie bang entkleidete und wusch;
wie standen sie verwirrt in meinen Haaren
und wie ein weißes Wild im Dornenbusch.

So seh ich deine niegeliebten Glieder
zum erstenmal in dieser Liebesnacht.
Wir legten uns noch nie zusammen nieder,
und nun wird nur bewundert und gewacht.

Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen –:
Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.
Dein Herz steht offen und man kann hinein:
das hätte dürfen nur mein Eingang sein.

Nun bist du müde, und dein müder Mund
hat keine Lust zu meinem wehen Munde –.
O Jesus, Jesus, wann war unsere Stunde?
Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.


Auch in der Beschreibung dreier Werke Auguste Rodins (um 1905), die sich in Rilkes Nachlaß findet, steht das bittere Wort von der „späten und sinnlosen Zärtlichkeit ihres Leibes“.

Marina Zwetajewa widmet dieser Figur ihr Prager Triptychon Magdalena. Die drei Gedichte entstanden zwischen 26. und 31. August 1923. Sie sind gewiß nicht nur ein Echo auf ihre aufwühlende Prager Liebesaffäre mit Konstantin Rodsewitsch, und dennoch ist die weitgehende poetische Identifikation der Dichterin mit der biblischen Sünderin nicht wegzuleugnen. Ihr Zyklus legt den Hauptakzent auf weibliche Leidenschaft und liebende Hingabe und kulminiert – im 3. Gedicht vom 31. August 1923 – in einer ungewöhnlich offen erotischen Darstellung der Beziehung Jesus Christus’ zu Magdalena.

**MAGDALENA, 3

Deine Wege will ich gar nicht wissen,
Liebe du! Denn was da kam, war gut.
Barfuß ich, und du – mit Tränengüssen,
Deinem Haar! – hast mich im Nu beschuht.

Nein, ich frage nicht, zu welchen Preisen
Du dein Öl gekauft hast vor der Zeit!
Ich war nackt, und du – der Welle gleichend
Die mich umschloß – du warst mein Kleid.

Deine Nacktheit streif ich mit den Fingern
Still wie Wasser, tief wie Gras...
Ich stand gerad, und du – mich zu dir biegend –
Bogst mich zur Zärtlichkeit: ins Maß.

In dein Haar sollst du mir eine Grube graben,
Hüll mich ein – ganz ohne Tuch.
Salbenbringerin! Was sollen mir Welt und Salben?
Du hast mich umspült wie eine Flut. [18]


Magdalena, 3 ist eine gewiß häretisch oder heidnisch inspirierte Hymne auf den heilenden Eros. [19] Und dennoch überschreitet Marina Zwetajewa bei aller erotischen Kühnheit in Magdalena, 3 nicht die Grenze zur Blasphemie – wie Rilke im Gedicht Die Nacht seiner Christus-Visionen (1896/1897), in dem seine Christusfigur mit einer Prostituierten „bis zum nächsten Morgen ein wenig König“ ist („Der ewige Wahn ich – du die ewige Dirne“).

Im ganzen Gedicht-Triptychon Magdalena von Marina Zwetajewa fällt allerdings das Fehlen der Reue Magdalenas auf. Die Reue wird – neben der Weissagung von Tod und Auferstehung – ein Hauptmotiv in Boris Pasternaks zwei Magdalena-Gedichten (1946–1953) sein, die er seinem Roman Doktor Schiwago beifügte und dem dichtenden Arzt Schiwago zuschrieb. Hier die ersten beiden Strophen von Magdalena I:

**Kaum ist es Nacht, erscheint mein Dämon,
Und läßt mich meine Taten büßen.
Erinnern ist mein Hurenlohn.
Es kommt und reißt mein Herz in Stücke,
Weil ich als Sklavin männlicher Not
Mich närrisch deren Grillen fügte,
Die Straße nur mir Bleibe bot.

Minuten nur, dann kommt der Tod
Und mit ihm seine Grabesruhe.
Doch ehe er dich zu sich holt
– Auch ich gedenke meiner Grube –,
Zerbrech ich dir mein Leben schon
Wie einen Alabasterkrug. [20]


Maria Magdalena war die geheime Heldin der drei Dichter Rilke, Zwetajewa und Pasternak, die im Sommer 1926 einen gemeinsamen, poetisch-geistigen Ehebruch begingen, indem sie in einer Sphäre kommunizierten, die sich von allen irdischen Ehebünden abhob. Und das ist nur einer der Fäden dieses noch immer nicht ganz ausgeloteten Netzes und „Gesprächs zu dritt“ vom Sommer 1926.

„Daß die Welt unannehmbar ist“

Und dennoch: Hier soll keine Seligkeit der Gemeinsamkeiten gefeiert werden. Zwischen Rilke und seiner russischen Briefpartnerin gibt es einschneidende Differenzen. Rilkes Pathos der Bejahung („Hiersein ist herrlich“; 7. Duineser Elegie), des Sich-Verschwendens im Lob („Loben, du Liebe, laß uns verschwenden mit Lob“; Elegie an Marina Zwetajewa-Efron vom 8. Juni 1926) ist einer bestimmten Marina Zwetajewa zutiefst fremd. Das Heimisch-Werden in der Welt verweigerte sie mehrfach. Aus der Welt hinaus – das war ihre Richtung. Im 8. Gedicht des Zyklus Kabel, am 27. März 1923: „Nur nach Haus: / Nur hinaus, in ein unirdisches / Heim – aber mein.“ [21]

Keiner hat ihre Daseinsfremdheit so hellhörig begriffen wie Joseph Brodsky in seinem Essay über den Neujahrsbrief: „In Zwetajewas Stimme schwang etwas dem russischen Ohr Unbekanntes und Erschreckendes: daß die Welt unannehmbar ist.“ [22] Der Welt und ihren Zumutungen wird die späte Zwetajewa eine radikale Absage erteilen, deren letzte Geste ihr Selbstmord durch Erhängen am 31. August 1941 sein wird. Ein Gedicht, das kurz vor diesem Selbstmord entstand, machte die Geste vor: Die Dichterin gab Gott ihr Eintrittsbillett zurück. „Ich weigre mich, zu leben / Im Tollhaus, unter Vieh. / Ich weigre mich, ich heule / Mit den Wölfen nie... / Ablehn ich, daß ich höre, / Ablehn ich, daß ich seh. / Auf diese Welt des Irrsinns / Gibt es nur eins: ich geh.“ [23]

„Ich bin die Schwalbe – deine Psyche!“

In der bildenden Kunst entspricht das Paar „Magdalena und Christus“ typologisch dem antik-heidnischen Paar „Psyche und Amor“. [24] Auguste Rodin liebte Apuleius´ Metamorphosen mit dem eingefügten Märchen von Psyche und Amor. Wie besessen schuf er 1898 bis 1907 rund fünfzig Zeichnungen um „Psyche“ und versuchte auch seinen Sekretär Rilke zu einer Nacherzählung der Geschichte anzuregen. Rilke schreibt am 8. März 1908 an Rodin nach Capri: « Je pense à vous de tout coeur en lisant une fois de plus l’Histoire de Psyché. » [25]

Psyche war eine Obsession nicht nur von Rilkes Pariser „Maître“, sondern auch von Marina Zwetajewa. Psyche – so lautet der Titel ihres Gedicht-Diptychons von April/Mai 1918, in dem das sprechende Ich als Psyche – in der antiken griechischen Vorstellung ein junges Mädchen mit Schmetterlingsflügeln oder eine Schwalbe – den abgelegten Leib anredet.

**PSYCHE

1
Nicht als Usurpatorin, nein – nach Haus kam ich,
Nicht Dienerin – kein Brot werd ich verschlingen.
Ich bin die Leidenschaft, dein Sonntagslicht,
Dein siebter Tag, ich bin dein siebter Himmel.

Ein Groschen war´s, was auf der Welt ich fand,
Mühlsteine um den Hals – ich mußte kriechen.
– Du Liebster! – Hast du mich denn nicht erkannt?
Ich bin die Schwalbe – deine Psyche!

2
Du trägst, mein Sanfter, nichts als Lumpen, diesen
Einstmals für mich so zarten Leib.
Ich hab ihn abgetragen und zerschlissen –
Die beiden Flügel sind, was übrigbleibt.

So kleide mich in deine Herrlichkeit zuletzt denn,
Erbarme dich und steh mir bei.
Die ärmlichen verwesten Fetzen –
Häng weg in eine Sakristei. [26]


Psyche war auch der Titel eines Gedichtbandes von Marina Zwetajewa, der 1923 in Berlin erschien. Es war eines der beiden Bücher, die sie am 12. Mai 1926 an Rilke schickte. [27] Als „Seele“ (Psyche) bezeichnet sie sich selber in ihrem Brief an Rilke vom 2. August 1926. Die Stelle ist ein Schlüssel zu ihrer ganzen Liebeslyrik, die nie eine ausschließliche Feier körperlicher Hingabe sein durfte:

„Ich habe den Körper immer in die Seele übersetzt (entkörpert!), die „physische“ Liebe – um sie lieben zu können – so verherrlicht, daß plötzlich nichts von ihr blieb. Mich in sie vertiefend, sie ausgehöhlt. In sie eindringend, sie verdrängt. Nichts blieb von ihr, als ich selbst: Seele.“ [28]

„Liebe“ bedeutete für Zwetajewa immer auch „Wort“ (und also „Wort-Kunst“): „Liebe lebt von Worten und stirbt an Thaten“, bekennt sie Rilke am 22. August 1926. [29] Sie wollte nichts anderes sein als Psyche. Durchaus folgerichtig beschimpft sie die Liebesgöttin Aphrodite im 4. Gedicht ihres Zyklus Lob der Aphrodite vom 10. Oktober 1921 mit dem höhnisch fragenden Schluß: „Wie lang noch beugt man dir gehorsam den Hals, / Du armloser Stein?“ [30]

Die Landkarte zur Seele aber schrieb sie Rilke zu, in ihrem früheren Brief, vom 12. Mai 1926: „Eine Topographie der Seele – das bist Du.“ [31]

Das „Wunder“ und eine stille Mahnung

Marina Zwetajewa suchte im fernen Gegenüber immerzu das „Wunder“, wie sie im Brief an Boris Pasternak am 10. Juli 1926 festhält: „Weißt Du, was ich will, wenn ich will: (...) Das alleräußerste Kap der fremden Seele und meiner Seele. Worte, die man nie vernimmt, nie sagt. Nie Dagewesenes, Ungeheures. Wunder.“ [32] Sie suchte auch in jener Sommerkorrespondenz 1926 ein solches Wunder.

Doch einer ihrer beharrlichsten Selbst-Mythen besagt, ihre Poesie bleibe letztlich dort, bei ihren Dichter-Partnern, unerhört. Wenn sie aber feststellte, daß Ihr Gewidmetes (das es doch gab!) nicht als solches erkannt, anerkannt wurde, konnte sie es furios verteidigen, wie ein ihr gewidmetes Gedicht von Ossip Mandelstam („Kein Auferstehungswunder glaubend“, Juni 1916) [33], das sie in ihrem 1931 im Pariser Exil, in Meudon, geschriebenen Prosatext Die Geschichte einer Widmung herrisch, besitzergreifend, zurückverlangte:/p>

Nicht gar so viele gute Gedichte sind in meinem Leben für mich geschrieben worden, und vor allem: nicht gar so oft wird ein Dichter von einem anderen Dichter inspiriert, daß diese Inspiration so mir nichts, dir nichts der erstbesten inexistenten Freundin eines inexistenten Armeniers abgetreten werden könnte. Auf diesem Eigentum – bestehe ich.
(...) Als man mir in der Revolution das Geld auf der Bank wegnahm, widersprach ich nicht, denn ich empfand es nicht als das meine. Meine Vorfahren wurden geplündert! Dieses Gedicht aber – und sei es auch nur durch meine Sorge um den Dichter – habe ich verdient.
[34]

Am 14. Juni 1926 schrieb sie an Rilke ein bitter klingendes Lebensresümee: „Rainer, mein lebenlang verschenkte ich mich in Gedichten – allen. Dichtern auch. Doch ich gab immer zu viel, ich übertönte immer die mögliche Antwort. Die Antwort erschrak. Ich nahm den ganzen Widerhall vorweg.“ [35]

Auch in bezug auf Rilkes „Erschrecken“ irrte sie sich. Eine knappe Woche vor diesem Brief, am 8. Juni 1926, schrieb er für sie die grandiose ELEGIE für Marina Zwetajewa-Efron; („O die Verluste ins All, Marina, die stürzenden Sterne!“), mit ihrer stillen und zähen Mahnung:

**Liebende dürften, Marina, dürfen soviel nicht
von dem Untergang wissen. Müssen wie neu sein.
Erst ihr Grab ist alt, erst ihr Grab besinnt sich, verdunkelt
unter dem schluchzenden Baum, besinnt sich auf Jeher.
Erst ihr Grab bricht ein; sie selber sind biegsam wie Ruten;
was übermäßig sie biegt, ründet sie reichlich zum Kranz.
Wie sie verwehen im Maiwind! Von der Mitte des Immer,
drin du atmest und ahnst, schließt sie der Augenblick aus. [36]

Anmerkungen:

  • [1] Rainer Maria Rilke / Marina Zwetajewa / Boris Pasternak: Briefwechsel. Herausgegeben von Jewgenij Pasternak, Jelena Pasternak und Konstantin M. Asadowskij. Aus dem Russischen übertragen von Heddy Pross-Werth. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1983, S. 145, 175
  • [2] Marina Zwetajewa: Liebesgedichte. Aus dem Russischen übertragen, herausgegeben und mit einem Nachwort von Ralph Dutli. Ammann Verlag, Zürich 1997/2002, S. 40
  • [3] Joseph Brodsky: Fußnote zu einem Gedicht. In: J. B., Flucht aus Byzanz. Essays. Carl Hanser Verlag, München Wien 1988, S. 176 (deutsch von Birgit Veit)
  • [4] Marina Zwetajewa: Liebesgedichte, S. 99
  • [5] Rainer Maria Rilke und Marina Zwetajewa: Ein Gespräch in Briefen. Herausgegeben von Konstantin M. Asadowski. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1992, S. 137
  • [6] Marina Zwetajewa: Liebesgedichte, S. 99
  • [7] Liebesgedichte, S. 103
  • [8] Ralph Dutli: Kabel und Klagen. Das Gedicht im Exil, die Vorsilbe der Distanz (Marina Zwetajewa). In: R. D., Nichts als Wunder. Essays über Poesie. Ammann Verlag, Zürich 2007
  • [9] Rainer Maria Rilke / Marina Zwetajewa / Boris Pasternak: Briefwechsel, S. 105
  • [10] Marina Zwetajewa: Liebesgedichte, S. 104
  • [11] Liebesgedichte, S. 111
  • [12] Rainer Maria Rilke / Marina Zwetajewa / Boris Pasternak: Briefwechsel, S. 231
  • [13] Marina Zwetajewa: Liebesgedichte, S. 112
  • [14] Liebesgedichte, S. 128
  • [15] Joseph Brodsky: Fußnote zu einem Gedicht, S. 163
  • [16] Marina Zwetajewa: Neujahrsbrief. Aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold. In: Rainer Maria Rilke und Marina Zwetajewa: Ein Gespräch in Briefen, S. 111/113
  • [17] Rainer Maria Rilke / Marina Zwetajewa / Boris Pasternak: Briefwechsel, S. 255
  • [18] Marina Zwetajewa: Liebesgedichte, S. 115
  • [19] Ralph Dutli: Marina Magdalena (Nachwort II). In: Marina Zwetajewa, Liebesgedichte, S. 142–153
  • [20] Boris Pasternak: Gedichte und Poeme. Herausgegeben von Fritz Mierau. Aufbau- Verlag, Berlin 1996, S. 401 (übertragen von Richard Pietraß)
  • [21] Marina Zwetajewa: Liebesgedichte, S. 108
  • [22] Joseph Brodsky, Fußnote zu einem Gedicht, S. 176
  • [23] Marina Zwetajewa: Masslos in einer Welt nach Mass. Verlag Volk und Welt, Berlin 1980, S. 169 (deutsch von Karl Mickel)
  • [24] Christiane Noireau: Marie-Madeleine. Editions du Regard, Paris 1999, S. 67–71
  • [25] Claude Judrin: Regards du poète sur le dessinateur et sur le collectionneur. In: Curdin Ebneter et collaborateurs: Rilke & Rodin, Paris 1902–1913. Fondation R. M. Rilke, Sierre 1997, S. 55/57, 68 (Anm. 38)
  • [26] Marina Zwetajewa: Liebesgedichte, S. 53f.
  • [27] Rainer Maria Rilke / Marina Zwetajewa / Boris Pasternak: Briefwechsel, S. 111
  • [28] Briefwechsel, S. 232
  • [29] Briefwechsel, S. 238
  • [30] Marina Zwetajewa: Liebesgedichte, S. 90
  • [31] Rainer Maria Rilke / Marina Zwetajewa / Boris Pasternak: Briefwechsel, S. 114
  • [32] Briefwechsel, S. 214
  • [33] Ossip Mandelstam: Tristia. Gedichte 1916–1925. Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph Dutli. Ammann Verlag, Zürich 1993, S. 25/27
  • [34] Marina Zwetajewa / Ossip Mandelstam: Die Geschichte einer Widmung. Gedichte und Prosa. Aus dem Russischen übertragen, herausgegeben und mit einem Nachwort-Essay versehen von Ralph Dutli. Ammann Verlag, Zürich 1994, S. 78, 81 (dort auch, S. 117–137, mein Nachwort Uns bleibt als einziges der Name. Marina Zwetajewa und Ossip Mandelstam)
  • [35] Rainer Maria Rilke / Marina Zwetajewa / Boris Pasternak: Briefwechsel, S. 175
  • [36] Briefwechsel, S. 160

Abgedruckt in

  • Curdin Ebneter (Hg./dir.): Rilke – Tsvetaieva – Pasternak. Amitiés russes / Russische Freundschaften. Fondation R. M. Rilke, Sierre 2006, S. 59–71

    Der reich bebilderte KATALOG kann bestellt werden für 30.- SFR (ca. 20 Euro) bei:
    Fondation Rainer Maria Rilke
    30, rue du Bourg
    CH-3960 Sierre

Hier das INHALTSVERZEICHNIS (die französischen Texte haben ein deutsches Resümee, die deutschen ein französisches Resümee):

  • Curdin Ebneter
    „Nous nous touchons. Comment? Par des coups d'aile“. Une tentative de survol

  • Curdin Ebneter
    „Wir rühren uns, womit? Mit Flügelschlägen“. Versuch eines Überblicks

  • Rätus Luck
    Einklang und Widerspruch. Rainer Maria Rilkes Briefe an Marina Zwetajewa

  • Ralph Dutli
    Kabel an Pasternak, Luftpost an Rilke. Ein Aufschwung der Seele:
    Marina Zwetajewas Poesie als Fern-Schreiben und Fern-Liebe

  • Brigitte Hermann
    Marina Tsvetaieva en Savoie