Brief in die Oase – Leseproben

(► Joseph Brodsky – Übersicht)

Hier ein paar Kostproben, die vor Erscheinen dieses Bandes bereits vorabgedruckt wurden:

Joseph Brodsky (1940–1996)

**STATT DES WILDEN TIERS ging ich rein in den Käfig,
meine Frist, meinen Namen in die Barackenwand schabend,
spielte Roulett, auch am Meer schon lebte ich,
aß Gott weiß mit wem im Frack zu Abend.
Sah die Welt aus der Höhe eines Gletschers,
soff dreimal ab, wurde zweimal aufgeschnitten.
Verließ das Land, das mich aufzog und hätschelte.
Aus denen, die mich vergaßen, gäbs ganze Städte.
Trieb mich in Steppen rum, voll vom Geheul der Hunnen,
was ich mir anzog, kommt jetzt wieder in Mode,
säte Roggen, deckte mit Schwarzpappe Scheunen
und hab mir nicht bloß Wasser in die Kehle gezogen.
Ließ in meine Träume ein das Aug des Wachsoldaten,
fraß das Brot der Fremde, und keine Rinde ließ ich.
Erlaubte meinen Stimmbändern alles, bloß keine Klagen.
Ging über ins Flüstern. Jetzt bin ich vierzig.
Was soll ich denn sagen vom Leben? Es dauert schon lange.
Solidarisch fühl ich mich allein mit dem Kummer.
Doch solang sie mir das Maul nicht mit Lehm vollschlagen,
wird aus ihm nichts als Dankbarkeit kommen.

24. Mai 1980 – Brodskys 40. Geburtstag

Aus dem Russischen von Ralph Dutli

Das folgende Gedicht wurde vorabgedruckt in:

Neue Zürcher Zeitung, Feuilleton,
Mittwoch 1. Dezember 2004, Nr. 281, S. 37
(Internationale Ausgabe)

**Winterabend, Heuboden

Der Schnee bepulverte das Heu
unterm Dach durch eine Spalte.
Ich wühlte im Heu und traf dabei
auf einen winzigkleinen Falter.
Falterchen o Schmetterling,
übern Winter lebst du hin,
bist ins tiefe Heu geklettert,
hast vorm Tod dich husch! gerettet.
Hat sich davongemacht und guckt
wie die Fledermausfunzel zuckt,
wie hell erleuchtet bis zum Rand
steht jetzt die breite Balkenwand.
Ich nehm es her an mein Gesicht
und sehe seinen feinen Staub
deutlicher als jedes Licht,
als meine eigene Haut.

In diesem Abend dunkel sind
wir hier rundum allein.
Und meine Fingerkuppen find
ich warm – es könnte Juli sein.

(1965)

Aus dem Russischen von Ralph Dutli

Der russische Dichter Joseph Brodsky wurde im März 1964 wegen „Nichtstuerei“ und „Parasitentums“ (d. h. vom sowjetischen Schriftstellerverband unbeaufsichtigten Gedichteschreibens) zu fünf Jahren Zwangsarbeit im russischen Norden verurteilt, von denen er dank internationalen Protesten nur achtzehn Monate absitzen musste. Die Zeit in Norinskaja (Archangelsker Gebiet) bedeutete harte Arbeit, aber auch unerwartete Begegnungen, wie dieses Gedicht bezeugt.

Das folgende Gedicht wurde vorabgedruckt in:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton,
Samstag 16. April 2005, Nr. 88, S. 37

**Aus Albert Einstein

Gestern brach morgen an, um drei Uhr nachmittags.
Heute ist schon „nie mehr“, Zukunft überhaupt.
Was nicht mehr ist, bevorzugt das Einerlei des Alltags
mit feuchter Zeitung und ohne Ei im Suppenkraut.

Es reicht, „Iwanow“ zu sagen, schon blitzt eine andere Ära
grade jetzt und hier vor dir auf – statt der Jahre im Sieb.
So wie Soldaten im Graben über die Brustwehr spähen
nach dort, wo es sie schon längst nicht mehr gibt.

Dort herrscht Schnupfenepidemie, weil die Blumen nicht duften
und das Laub murrt beharrlich wie ein Idioten-Argument,
und eine Stadt vom Typ Schachbrett für schwarz-weiß Getupfte
wo die Gelben siegen, ist ein Unentschieden, das uns nicht kennt.

Dort dämmert es früher herab vom Korridor-Lämpchen
und die Bergkette macht hellhörig der eingerollte Wigwam,
um nirgendwo nach Mitternacht einzubrechen (ohnehin schändlich!),
klopfen unentfachte Sterne um die Mittagszeit bei dir an.

(1994)

Aus dem Russischen von Ralph Dutli

Das folgende Gedicht wurde vorabgedruckt in:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton,
Mittwoch 9. November 2005, Nr. 261, S. 39:

**ICH HÖRE NICHT DAS was du mir sagst nur deine Stimme.
Ich sehe nicht dein Kleid nur blanken Schnee ringsum.
Das ist der Nordpol wo wir sitzen, ist nicht das Zimmer;
unsere Spuren führen von ihm her – und nicht zum.

Einst kannte ich auswendig alle Farben des Spektrums.
Jetzt erkenn ich zur Bestürzung des Arztes einzig Weiß.
Doch selbst wenn das Liedchen verklingt ganz zuletzt nun
bleibt von ihm ein Motiv, zumindest eins.

Ich wär froh mich neben dich zu legen, doch das ist Luxus.
Leg ich mich hin, dann Gesicht zum Rasen, einerlei.
Und die Alte im Hüttchen auf Hühnerbeinen wird schluchzen
und kocht sich was Weiches, ein Ei.

Früher wenns Flecken gab streute ich Laugensalz.
Das half immer, auch Talkum auf Pickel wirkte zuletzt.
Jetzt wogt um dich der Abschaum und grölt lauthals.
Du trägst lichte Kleider. Und ich Schmerz.

1989(?)

Aus dem Russischen von Ralph Dutli

Das folgende Gedicht wurde vorabgedruckt in:

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton,
Freitag 6. Januar 2006, Nr. 5, S. 31:

Joseph Brodsky (1940–1996)

**Ithaka

Zurückkommen endlich nach zwanzig Jahren,
barfuß die eigene Spur im Sand zu jagen.
Und der Köter macht Gebell, heiser und schriller
um zu verbergen daß er froh ist doch leise verwildert.

Wenn du magst wirf ihn ab deinen schweißigen Plunder;
doch tot ist die Magd die noch weiß von der Wunde.
Und die eine die, sagen sie, auf dich gewartet hat
kannst du nirgends mehr finden denn sie hatte es satt.

Dein Bengel ist erwachsen, schon selber Matrose,
und schaut dich so an als wärst du – tote Hose.
Und die Sprache verstehn die sie rundherum brüllen –
ganz vergeblich, gibs auf nach dem Sinn drin zu wühlen.

Die Insel stimmt auch nicht oder zuviel Blau
hat dir die Pupille verwöhnt so blasiert ist dein Aug:
von dem Stück Erde wird die Welle doch nie
den Horizont je vergessen, mag auch anrennen sie.

1993

Aus dem Russischen von Ralph Dutli