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GEH NICHT AUS DEM ZIMMER ESSAY ÜBER JOSEPH BRODSKY
Erschienen in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton, Samstag, 29. Oktober 2005, Nr. 252, S. 44 In erweiterter Form abgedruckt in meinem Buch: Ralph Dutli, Nichts als Wunder – Essays über Poesie Ammann Verlag, Zürich 2007, S. 146–155 Download des Essays [PDF]
Joseph Brodsky (1940–1996) GEH NICHT AUS DEM ZIMMER! Ein Irrtum, verläßt du das Haus. Wozu brauchst du Sonne, wenn du deine Blättchen rauchst? Hinter der Tür ist alles sinnlos, besonders – Glücksgeschrei. Nur rasch bloß aufs Klo und dann gleich wieder herein. Oh, geh nicht aus dem Zimmer, ruf keinen Motor. Weil der Raum ohnehin nur aus einem Korridor besteht und mit dem Stromzähler endet. Und kommt eine Milka mit offenem Mund: jag sie weg! ohne sie zu entkleiden. Geh nicht aus dem Zimmer; betrachte dich als erkältet. Die Wand, der Stuhl: gibts Interessanteres auf der Welt? Es bringt nichts, warum rausgehen, ja was nützt es, wenn du abends als der Alte wiederkommst, nur leider verkrüppelt? Oh, geh nicht aus dem Zimmer. Kapier doch, tanz Bossa Nova nur im Mantel, ganz nackt, und in Schlappen die bloßen Sohlen. Auf dem Flur riechts nach Kohl und nach Schmiere für die Skier. Du hast viele Buchstaben geschrieben; noch einen – und es wären zu viele. Geh nicht aus dem Zimmer. Als einziges soll so das Zimmer erraten, wie du aussiehst. Und überhaupt: inkognito ergo sum, sagte die Substanz zur Gestalt, zornig und zankig. Geh nicht aus dem Zimmer! Draußen ist ohnehin nicht Frankreich. Sei kein Idiot! Sei das, was die andern nie waren, nie im Leben. Geh nicht aus dem Zimmer! Gib dich einzig den Möbeln hin, verschmelz mit den Tapeten. Sperr dich ein, verbarrikadier dich zum Schluß mit dem Schrank gegen Chronos, Kosmos, Eros, Rasse und Virus. 1970 / ? (Aus dem Russischen von Ralph Dutli)
Geh nicht aus dem Zimmer! Bossa Nova, Breschnew und Horaz: Ein unbekanntes Gedicht von Joseph Brodsky Joseph Brodskys Gedicht „Geh nicht aus dem Zimmer“ entstand zwischen einem an Kafka gemahnenden Prozeß und einem Exil nach Danteschem Muster. In einem hanebüchenen Gerichtsverfahren wurde der vierundzwanzigjährige Dichter im März 1964 wegen „Nichtstuerei“ und „Parasitentums“ zu fünf Jahren Zwangsarbeit im russischen Norden verurteilt. Sein wahres Vergehen war das unbestellte und unbeaufsichtigte, vom sowjetischen Schriftstellerverband nicht abgesegnete Schreiben von Gedichten. Brodsky mußte von seiner Strafe – dank internationaler Proteste – nur achtzehn Monate absitzen. Er kehrte aus dem Dorf Norinskoje (Archangelsker Gebiet) nach Leningrad zurück, wo er 1940 geboren wurde, doch die Zwangsarbeit im eisigen Norden hatte ihn nicht gefügiger gemacht, nicht „sozial angepaßter“. Mit ungebrochenem Starrsinn widmete er sich wieder dem einzigen Beruf, der seine Berufung war. Ausgesprochen politisch waren seine Gedichte nicht. Sie zeigten nur einen unerhört freien Ton und beschworen – als leiser und beharrlicher Gegengesang gegen propagandistische Jubeltöne – menschliche Tragik und Desillusion. Nur im Untergrund des Samisdat zirkulierten sie, wanderten durch fiebrige Hände und Schreibmaschinen und verbreiteten so ihr – in den Augen der Aufpasser – „schädliches Gift“. Unter massiven Drohungen wurde Brodsky am 4. Juni 1972 zur Ausreise aus der Sowjetunion gezwungen. Das New Yorker Exil war endgültig: Bis zu seinem Herztod am 28. Januar 1996 kehrte er nie mehr nach Rußland zurück, auch dann nicht, als der Eiserne Vorhang aufgehoben war. Brodsky war der eigentümliche Fall eines sowjetischen Aussteigers und Verweigerers. Mit fünfzehn war er mutwillig, vor der gesetzlichen Frist, von der Schule abgegangen, arbeitete als Fräser in einer Fabrik, als Helfer des Prosektors in der Leichenhalle des Leningrader „Kresty“-Gefängnisses, als Gehilfe auf geologischen Expeditionen, die ihn in asiatische Weiten führten. In einem Interview bekannte er später, der frühzeitige Austritt aus der Schule sei ein Glück gewesen, weil der Jugendliche so der staatlichen Lüge, der permanenten Indoktrinierung früher entkommen sei. Was Brodsky in den Augen der Kulturfunktionäre so gefährlich machte, war seine geistige Autonomie und – im kulturell abgeschotteten Entwicklungsland des Sozrealismus – das Beharren auf Weltkultur, wie sein Vorbild Ossip Mandelstam seine Poesie einst definiert hatte: als „Sehnsucht nach Weltkultur“. Brodsky, der die Schule der ständigen Gängelung verließ, las sich als Autodidakt durch den luftigen Wirrwarr der Weltliteratur. Zur Zeit der „Stagnation“, der offiziellen Wüste der Breschnew-Zeit, zog sich die wirkliche Kultur in die Nischen-Oasen, Küchen und Kellerräume zurück. Weltverweigerung oder Autarkie der Poesie? Die Weltkultur pries Brodsky auf eigene Weise, verwob antike Sujets (von Odysseus bis zum verbannten Ovid) mit der Nervosität der anglo-amerikanischen Dichtung und den besten Mustern der russischen Moderne – in einem zuweilen schnoddrigen Mix aus Alltagsslang und stupender Klassizität. Sein Gedicht „Geh nicht aus dem Zimmer“ ist ein großes „Nein“ zur Breschnew-Zeit, zum real existierenden Sumpf der Sowjetunion, die sich in der Propaganda noch immer als „Hort des historischen Fortschritts“ selber feierte. Ich habe es satt, sagt dieses Gedicht. Aber es sagt noch viel mehr. Das „Glücksgeschrei“ draußen (in Losungen, in der gleichgeschalteten Presse) ist dem Einsiedler, der es besser weiß, nichts als Ekel. Im Gedicht spricht ein moderner Höhlenbewohner, der sich weigert, fortan in die Eiszeit der parteilich dressierten Mastodonten hinauszutreten. Der Boykott von Breschnews Paradies wird zur (vorläufigen) Verweigerung der Welt. Doch die renitente Haltung ist nur das eine. Hier entsteht ein Manifest der Autarkie der Poesie, die im Zimmer entsteht und die Welt hochmütig nicht mehr zu brauchen scheint. Es ist ein Manifest radikaler Selbstgenügsamkeit, das sich nicht scheut, die Descartes’sche Losung „Cogito, ergo sum“ in der 5. Strophe zu verballhornen zu einem „Inkognito ergo sum“ und mithin das Horazische Ideal des „Lebe im Verborgenen“ zu einem eigenen frechen Wahlspruch des Selbstdenkers umzugießen. Horaz im 18. Brief des Ersten Buches seiner „Epistulae“: „Möge mir zuteil werden, was ich jetzt habe, oder auch weniger; möge ich für mich selbst leben können, was noch von meinem Leben übrig ist, wenn es die Götter wollen, daß noch etwas übrig ist; möge ich einen guten Vorrat an Büchern zur Hand haben und an Nahrung ausreichend für das Jahr; möge ich nicht schwanken und wanken in der Erwartung der nächsten ungewissen Stunde!“ (deutsch von Bernhard Kytzler). Der von Kaiser Augustus im Jahr 8 n. Chr. nach Tomis ans Schwarze Meer verbannte Ovid war für den frühen Brodsky der wichtigste römische Autor, genau wie für seine Vorgänger Puschkin und Mandelstam. Er sollte mit ihm die prägende Erfahrung des Exils teilen. Aber eine allmähliche Hinwendung zu Horaz ist in Brodskys Werk unübersehbar. Sein letzter großer Essay von 1995 hieß „Brief an Horaz“ und war eine vertrauliche, respektlos-innige Ansprache: „Ein kleines Wunder pro Strophe... Bei dir ist jede Zeile ein Abenteuer... Da ja alles, was ich geschrieben habe, genau genommen an dich gerichtet ist: an dich persönlich und alle übrigen. Denn wenn man Verse schreibt, findet man sein unmittelbarstes Publikum nicht bei seinen Zeitgenossen, schon gar nicht in der Nachwelt, sondern bei seinen Vorgängern“ (im Essayband „Von Schmerz und Vernunft“, Carl Hanser Verlag). Lob des Starrsinns Doch Horaz, der Dichter der Selbstgenügsamkeit und des Lebens im Verborgenen, war auch ein „Schweinchen aus Epikurs Herde“ (Brief an Tibull; Epistulae I, 4). Brodsky, der 1964 wie Ovid „an den Rand der Welt“ verbannte, der „von zu Hause an den Polarkreis gejagte junge Hund“ (so Brodskys Selbstcharakteristik im „Brief an Horaz“) neigte dagegen zum Stoizismus, zur stolzen Beharrlichkeit, bitteren Sturheit. In einem Filmdokument von Lawrence Pitkethly von 1993 betont er Wert und Würde des Starrsinns: Für das große „Nein“ zur Wirklichkeit wie zu jedem Schund brauche es ganz einfach Sturheit. Der Ort der Verborgenheit im Gedicht „Geh nicht aus dem Zimmer“ ist nicht wie bei Horaz ein von Maecenas geschenktes Landgütchen in den Sabinerbergen mit seinen frugalen Schätzen aus Oliven und Ziegenkäse, sondern ein simples Zimmer in einer Kommunalwohnung der Breschnew-Zeit. Schon das geteilte Klo ist feindliches Territorium. Draußen riecht es nach Kohl und Skiwachs, doch die harmlosen Gerüche sollten nicht auf die Harmlosigkeit der Zeit schließen lassen. Daß der Zimmerbewohner bei Austritt aus dem Refugium riskiert, „verkrüppelt“ wiederzukommen, ist nicht bloß eine Metapher für die mögliche Beschädigung eines Mimosenseelchens durch eine unerbittliche Außenwelt, sondern die Realität der psychischen Bedrohung und brutalen „physischen Einwirkung“ durch die Herrschaften des KGB. Brodsky war schon vor seinem Prozeß wiederholt inhaftiert, zur „Abklärung“ in psychiatrische Kliniken eingewiesen worden. Er wurde auch mehrmals auf der Straße „zufällig“ verprügelt. Das Niederprügeln durch angeblich „alkoholisierte“ Zeitgenossen war nur eine der perversen Methoden der Repression in der Breschnew-Ära, die schon Ende der sechziger Jahre zunehmend zur „Behandlung“ von Dissidenten in psychiatrischen Kliniken überging. Das Risiko, beim Auftauchen aus dem Kellerloch „verkrüppelt“ oder gar nicht mehr wiederzukehren, war durchaus real. Brodsky entwirft ein tragisches Ideal der Autarkie der Poesie. Sogar den Anfechtungen des Eros soll sie widerstehen. Die „Milka“ (im russischen Slang ein „Flittchen“ oder „Hürchen“), die den Eremiten vom Schlage des Hieronymus verführen will, wird ebenso verscheucht wie andere Versuchungen. In meiner deutschen Übertragung ließ ich das Wort „Milka“ mit ironischer Absicht gern so stehen, weil es hierzulande sofort mit einer lila Schokolademarke assoziiert wird, mit der „zarten Versuchung“ eines Werbespots. Die milchigen und süßen Anfechtungen der Außenwelt will der grimmige Eremit der Poesie ja gerade von sich weisen, ohne sie aus dem Silberpapier oder sonstigen Hüllen zu schälen. Der Höhlenbewohner gibt sich verhalten autoerotischen Vergnügungen hin, tanzt nackt nur im Mantel mit sich selber. Das horazische „Lebe im Verborgenen“ kennt seine eigenen legeren Rituale. Der Bossa Nova, der südamerikanische Modetanz (dessen Name „neue Welle“ bedeutet), gibt dem rebellischen Moment den frivolen Rhythmus an. „Sonne“ war eine bulgarische Zigarettenmarke. Der renitente Einsiedler zieht ihr seine eigene Billigsorte vor. Daß er damit aber auch das Zentralgestirn der irdischen Welt zurückweist, ist wie alles in diesem sarkastisch-ironischen Manifest eine zweideutige, radikal traurige Protestgeste. Ein nur vorläufiges Selbstbegräbnis Tragisch wird die prekäre Idylle am Schluß, als sich der Eremit geradezu vor der Welt verbarrikadiert, gegen Chronos, Kosmos, Eros. Die griechischen Wörter für Zeit, Welt und Liebe besagen alles, was der Fall ist. Das Gedicht „Geh nicht aus dem Zimmer“ ist nicht nur eine Zurückweisung der matschigen Breschnewschen Paradieseswelt und ihrer Zumutungen, sondern eine radikale Absage an die Welt im Geiste der späten Zwetajewa. Die Welt ist – Sowjetunion. Eines der letzten Gedichte Marina Zwetajewas, das kurz vor ihrem Selbstmord (1941) entstand, machte die provokative Geste vor: Die Dichterin gab Gott ihr Eintrittsbillett zurück. Es beeindruckte Brodsky durch seine unerbittlich harte syntaktische Fügung besonders: Ich weigre mich, zu leben Im Tollhaus, unter Vieh. Ich weigre mich, ich heule Mit den Wölfen nie... Ablehn ich, daß ich höre, Ablehn ich, daß ich seh. Auf diese Welt des Irrsinns Gibt es nur eins: ich geh“ (deutsch von Karl Mickel). Aus der verbarrikadierten Autarkie der Poesie ist eine Gefängnisexistenz geworden, ein wahres Selbstbegräbnis. Misanthropie liegt auch in dem Wort „Rasse“ als einem Ersatz für die menschliche Gattung. Der Schutz vor dem „Virus“ (im allerletzten Wort) hat heute eine neue, 1970 noch nicht mögliche aktuelle Assoziation bekommen. Damals war sie nur Metapher für die Krankheit der Welt. Der Rückzug ins „asoziale“ Höhlendasein sorgte aber bei Brodsky immer wieder für erstaunliche Energien des Widerstands und der Schaffenslust. Stolze Individualität war eine bewußte Provokation der immerzu vom „Kollektiv“ faselnden Sowjetordnung. Daß der Rückzug in die Zelle lebensfeindlich und befremdend wirkt, riskiert der Poet provokativ. Es war nicht Brodskys letztes Wort. Schließlich wird er jenes großartige Werk schaffen, das die Stockholmer Königliche Akademie veranlassen wird, dem einst als „Nichtstuer“ und „Parasit“ verurteilten Brodsky 1987 den Literaturnobelpreis zu verleihen. In seiner Stockholmer Rede bezeichnete er die Poesie als „kolossalen Beschleuniger des Bewußtseins, des Denkens, der Wahrnehmung der Welt“. Sein Werk besticht durch eine Fülle von Wahrnehmungen, Bildern, Orten, durch Verdichtung und gesteigerte Welt- Wahrnehmung. Brodskys Reisen, nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion, füllten die poetischen Schatztruhen mit Zyklen wie „Venezianische Strophen“ und „Römische Elegien“ und Zeugnissen der amerikanischen Einsamkeit und Verlorenheit wie dem „Wiegenlied von Cape Cod“. Im Gedicht „Geh nicht aus dem Zimmer“ wird die Verweigerung der Welt als Gegenmittel dargestellt, als kapitales Antidot. Litaneihaft erscheint siebenmal die Aufforderung „Geh nicht aus dem Zimmer“, bewußt monoton, mit betont reduzierter Wahrnehmung, dafür mit frechen, unreinen Reimen. Es ist nur folgerichtig, daß nicht nur die Welt verneint wird, sondern auch das Werk, das eigene Werk. Der Eremit ruft sogar zum Abbruch des Schreibens auf: „Du hast viele Buchstaben geschrieben; noch einen – und es wären zu viele.“ Ein Glück für die russische Dichtung wie für die Weltpoesie, daß sich der starrsinnige Eremit, Höhlenbewohner und begnadete Ironiker Brodsky später nie daran gehalten hat. Ralph Dutli
NB! In meinem Buch Nichts als Wunder – Essays über Poesie (Ammann Verlag, 2007) sind vier Essays dem russisch-amerikanischen Dichter Brodsky gewidmet:
WAS BRAUCHT ES FÜR EIN WUNDER? Joseph Brodskys heillose Weihnachtsgedichte GEH NICHT AUS DEM ZIMMER! Bossa Nova, Breschnew und Horaz: Ein vergessenes Gedicht von Joseph Brodsky GOLDENER TAUBENSCHLAG DER ZEIT. Begegnung mit dem verlorenen Paradies: Russische Dichter in Venedig DER REIM IST DER REIZ. Ein Uhrwerk und Abbild des Exils: Lob des unreinen Reims (Joseph Brodsky)
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Ralph Dutli
© Isolde Ohlbaum Im Zug Czernowitz-Lemberg (Ukraine), September 2013
© Ralph Dutli 2021
Romanautor, Lyriker, Essayist, Biograph, Übersetzer und Herausgeber