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Ralph Dutli
Meine Zeit, mein Tier. Ossip Mandelstam.
Eine Biographie.
630 S., mit zahlreichen Abbildungen. Leinen
mit Schutzumschlag, Lesebändchen.
© Ammann Verlag, Zürich 2003
ISBN: 3-250-10449-3
Textprobe aus dem 14. Kapitel:
„Nadeschda am Schwarzen Meer“
(Leningrad/Jalta 1925-1926)

[...]
Mitte Januar 1925 trifft Mandelstam in Leningrad auf der Straße
Olga Waksel, eine zierliche Schönheit und Schauspielerin, die vom
Film träumt. Sie hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und einen
einjährigen Sohn, für den sie sorgen muß. Mandelstam kennt Olga
bereits: Im Sommer 1916 und 1917, als dreizehn-, vierzehnjähriges
Mädchen, war sie in Begleitung ihrer Mutter bei Maximilian Woloschin
zu Besuch, als auch Mandelstam in Koktebel auftauchte. Jetzt hat
sie den zerbrechlichen Charme einer unglücklichen jungen Frau, deren
Lebenswünsche und schauspielerischen Träume sich nicht verwirklichen
lassen. Mandelstam bringt Olga nach Hause zu Nadeschda. Doch was
als Freundschaft zu dritt anfing, endete als die schlimmste Ehekrise.
Mandelstam war fast sofort in Olga verliebt, erst heftig, dann besinnungslos.
Dreierbeziehungen waren in der frühen Sowjetepoche nichts Außergewöhnliches,
sie galten als schick und progressiv, weil anti-bürgerlich. Die
berühmteste „Ménage à trois“ der Epoche hatte den „Trommler der
Revolution“ höchstpersönlich zum traurigen Helden: Wladimir Majakowskij
war jahrelang der Dritte im Haushalt von Lilja und Ossip Brik. Lilja
blieb Majakowskijs lebenslange Liebeswunde. Die Dreierbeziehung
der Mandelstams schien anfangs nach Nadeschdas Geschmack zu verlaufen.
Sie nannte ihren Mann scherzhaft einen „Mormonen“ und hatte gegen
seine fantastischen Pläne, zu dritt nach Paris zu fahren, nichts
einzuwenden. Doch rasch geriet das erotische Dynamit außer Kontrolle.
Das bitterböse Kapitel Grenzsituation im zweiten Band der
Memoiren Nadeschdas läßt die Ausmaße der Katastrophe ahnen. Noch
1970, als sie das Buch schrieb, schien ihr die ungezügelte Eifersucht
die Feder zu führen. Fast täglich sei die junge Schöne vorbeigekommen
und habe vor ihrer Nase Mandelstam „entführt“. Die Situation wäre
reichlich banal, hätte Mandelstam in jenen ersten Monaten des Jahres
1925 für Olga nicht zwei seiner schönsten Gedichte geschrieben,
die er wohlweislich vor Nadeschda verborgen hielt (1935, in der
Woronescher Verbannung, als er verspätet vom Selbstmord Olga Waksels
in Oslo erfuhr, kamen noch zwei Gedichte hinzu). Es sind die Verse
eines schwerverliebten Dichters, der sich seiner Ehefrau gegenüber
bereits in Lügen und Ausflüchte verstrickt hatte und oft selber
keinen Ausweg mehr wußte. Das Leben war zum freien Fall geworden:
Das Leben
fiel, ein Wetterblitz
Wie ins Glas die Wimper stürzt,
Lügenprall bis an den Rand -
Keinen, niemand klag ich an. (TR,
195/197)
Das Gedicht entwirft eine Utopie
absoluter Liebe. Das „goldene Schaffell“, das die Geliebte umgibt,
ist das Kleid eines unerhörten Liebesmythos. Ein Traum-Paar wird
vorgeführt, das alles hinter sich zurückläßt. Der Reiz des Gedichts
liegt in der Spannung zwischen mythisch-erotischer Utopie und winzigen,
schlichten Alltagsdetails:
Willst zur
Nacht du einen Apfel,
Honigtee, ganz frisch gemachten?
Zieh ich dir die Stiefel aus,
Heb dich Fläumchen leise auf?
Engel - hell im Spinngewebe,
Goldnes Schaffell dich umgebend,
Strahl von dem Laternenlicht
Schulterhoch beleckt er dich.
(...)
Wie du stocktest allzuplötzlich,
Logst und lächeltest verletzlich,
Und verhaltene Schönheit strich
Hilflos hin dir durchs Gesicht.
Hinter Hüten von Palästen,
Hinter Gärten, schäumend letzten,
Wimpernjenseits liegt ein Land
-
Bist dort meine Frau genannt.
Komm wir nehmen trockne Stiefel,
Goldne Bauernpelzchen, tiefe,
Nehmen uns dann bei der Hand
Gehn die gleiche Straße lang
Blicken uns nie um, erreichen
Strahlend helle Wegezeichen,
Nachtlang bis der Tag anbricht
Zwei Laternen voller Licht. (TR,
S. 195/197)
Sogar der Apfel des Sündenfalls fehlt
nicht... Mandelstam traf Olga im Leningrader Hotel „Astoria“ und
mietete zeitweilig, um ihr nahe zu sein, ein Zimmer im Hotel „Angleterre“
(wo Sergej Jessenin im Dezember desselben Jahres 1925 Selbstmord
verüben wird). Um ihr seine Gedichte vorzutragen, nahm er auch gelegentlich
eine Mietdroschke und fuhr mit Olga von der Morskaja zur Tawritscheskaja,
wo sie mit ihrer Mutter und dem kleinen Söhnchen wohnte. Nadeschda
aber hielt die immer häufigeren „Entführungen“ ihres Ehemannes nicht
aus und - packte die Koffer. Der bekannte Avantgarde-Maler Wladimir
Tatlin (in ihren Memoiren nennt sie ihn nur mit der Initiale T.),
der ihr den Hof gemacht hatte, bot sich als Retter an. Doch als
Mandelstam einmal zufällig zu früh nach Hause kam und die wartende
Nadeschda mit dem Koffer vorfand, kam er zur Besinnung. Als Tatlin
klingelte, um Nadeschda abzuholen, machte Mandelstam die Tür auf
und verkündete: „Nadja wird bei mir bleiben“. Nadeschdas Abschiedsbrief
warf er ins Feuer, rief Olga an und teilte ihr „schroff und grob“
das Ende ihrer Beziehung mit. Das geschah Mitte März 1925. Noch
in den Erinnerungen von 1970 klingt das Erstaunen darüber nach,
daß die zufällige Rückkehr Mandelstams und der Anblick des gepackten
Koffers schicksalhaft ihr Leben bestimmen sollte.
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„Wimpernjenseits liegt ein Land
– /
Bist dort meine Frau genannt“:
Olga Waksel, 20er Jahre
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Der Spuk dauerte rund zwei Monate. In Nadeschdas Darstellung war
es eindeutig Olga, die sich Mandelstam an den Hals warf. In den
distanzierten Erinnerungen Olga Waksels war nur der Dichter einem
Liebeswahnsinn erlegen, lag vor ihr auf den Knien, weinte und versicherte
ihr zum hundertsten Mal, daß er ohne sie nicht leben könne. Wo genau
die Wahrheit liegt, ist im Reich des Eros - und bei zwei eifersüchtigen
Zeuginnen - schwer auszumachen. Aber der Eindruck eines besinnungslos
verliebten Dichters ist angesichts des Gedichts „Das Leben fiel“
nicht abwegig. Nadeschda äußerte in ihren Memoiren den begründeten
Verdacht, er habe die Affäre nur gebraucht, um jene beiden unglaublichen
Gedichte zu schaffen... Als die verräterischen Verse geschrieben
waren, war auch die Krise ausgestanden. Aus dem Land „jenseits der
Wimpern“, dem Reich erotischer Utopie, kehrte Mandelstam in die
nüchterne Realität zurück.
Das zweite Olga Waksel gewidmete Gedicht zeigt den wahnsinnigen
Lauf eines zum Nomaden, zum Ortlosen gewordenen Dichters durch die
dunkle Stadt. Spürbar wird eine grenzenlose Verlorenheit. Die bei
Mandelstam immer grausamen („stachligen“) Sterne mischen sich wieder
ein: „An Licht ist da nichts als die stachlige Lüge der Sterne“.
Und das schmerzende Fazit: „Das Leben schwimmt weg“. Selbst die
erotischen Motive des Gedichts - Locken, Lippen und Pupillen, die
„apfelgleich rosige Haut“ - sind nur noch bitter-sinnliche Elegie.
Ich lauf durch den Ort der Nomaden, die dunkle Straße,
Dem Faulbeerbaumzweig hinterher in der schwarzen, gefederten Kutsche,
Dem Häubchen von Schnee hinterher und dem ewigen Geräusch einer
Mühle...
Ich erinnre mich nur an die Locken, kastanienbraun, ihre Versager,
Umraucht von der Bitterkeit, nein! - eher Ameisensäure;
Von ihnen blieb mir auf den Lippen wie trockener Bernstein.
In solchen Minuten hat mir noch die Luft braune Augen,
Pupillen, die Ringe, umkleidet vom Pelzrand aus Licht,
Und das, was ich weiß von der apfelgleich rosigen Haut... (TR, S. 175)
Als ob er diesmal Nadeschda entführen wollte, flüchtet Mandelstam
mit ihr am 25. März 1925 vor dem zersetzenden Geschehen aus Leningrad
in das dreißig Kilometer entfernte Detskoje Selo, ehemals Zarskoje
Selo („Zarendorf“). Den neuen Namen „Kinderdorf“ bekam das Städtchen
1921, weil dort Bürgerkriegswaisen beherbergt wurden. In Detskoje
kommen die Mandelstams in der kleinen Pension „Sajzew“ unter, die
sich im Gebäude des Lyzeums eingenistet hatte. Es ist jene berühmte
Lehranstalt, wo Alexander Puschkin 1811 bis 1817 zur Schule ging
und seine ersten Verse schrieb. Doch das Paar ist hier mit sich
selbst beschäftigt, die Literatur scheint fern. Während des Aufenthaltes
in Detskoje erschien Anfang April 1925 im Leningrader Verlag „Wremja“
Mandelstams autobiographisches Buch Das Rauschen der Zeit,
sein Abschied von der Kindheit, vom alten, vorrevolutionären Rußland.
Mandelstam wollte das Leben mit seiner Frau nach der Krise neu beginnen.
Nadeschda war von allem arg mitgenommen. Auch gesundheitlich ging
es ihr immer schlechter. Sie hatte Fieberanfälle und Schwächezustände.
Und sie bat Mandelstam um ihre Freiheit: „Wozu brauchst du mich?
Warum hältst du mich zurück? Wieso soll ich so leben - wie in einem
Käfig? Laß mich gehen...“ Mandelstam erleidet in jenem Frühjahr
1925 - das genaue Datum ist unbekannt - seinen ersten Herzanfall
und wird fortan immer öfter von Beschwerden und Atemnot heimgesucht
werden. Moralisch und gesundheitlich angeschlagen, aber fürs erste
versöhnt, kehren die beiden am 24. April nach der gemeinsamen Quarantäne
in Detskoje nach Leningrad zurück.
Die Nachwelt machte sich von diesem Paar ein mythisches Bild. Joseph
Brodsky sah in ihm, mit allerdings vertauschten Rollen, eine moderne
Inkarnation von Orpheus und Eurydike. Nadeschdas heroische Rolle
als Bewahrerin von Mandelstams Gedichten und als souveräne Memoiristin
wird dazu beitragen, dieses Ehepaar in einem strahlenden Licht erscheinen
lassen. Doch häufiger Streit gehörte zu ihrem gemeinsamen Leben,
wie das Kapitel Erste Streitigkeiten im zweiten Band der
Memoiren nachdrücklich festhält. Die Geschichte der „großen Paare“
braucht kein Idyll zu sein.
Mandelstam verhielt sich von Anfang an als eifersüchtiger Patriarch,
ließ Nadeschda keine eigene Arbeit suchen, ließ sie nirgendwo hingehen
und verlangte ihr völliges Aufgehen in seinem Leben (wie er es im
„Lea“-Gedicht 1920 vorgesehen hatte). Nadeschda war für ihn auch
die unersetzliche Person, der er seine Texte diktierte. Mandelstam
schrieb fast nie, sondern ging im Zimmer auf und ab, murmelte zunächst
Unverständliches und hörte auf das „innere Bild“, das laut seinen
Vorstellungen dem geschriebenen Gedicht vorausgehe und vom Gehör
des Dichters „betastet“ werde. „Noch kein einziges Wort ist da,
doch das Gedicht klingt bereits“ - so wird der geheimnisvolle Vorgang
im Essay Das Wort und die Kultur (1921) dargestellt (GP,
87). Als die Worte schließlich kamen, schrieb er sie nicht selber
auf, sondern diktierte sie wie im Fieber - Nadeschda.
Sie war gleichsam sein menschliches Diktiergerät, das immer verfügbar
sein mußte. Auch die Prosa wurde diktiert. Nadeschda schildert das
Entstehen von Das Rauschen der Zeit in Gaspra auf der Krim,
im Sommer 1923. Mandelstam ging zuerst eine Stunde alleine spazieren,
dann kam er „angespannt und böse“ zurück und verlangte, daß sie
sofort die Bleistifte anspitze und aufschreibe. Er diktierte sehr
schnell, meist ein ganzes Kapitel dieser dichten Prosa auf einmal.
Wollte sie eine Bemerkung einwerfen, wies Mandelstam sie zurecht:
„Still! Misch dich nicht ein... Du verstehst nichts davon, also
schweig“. Nicht selten kam es bei diesen Sitzungen zu heftigem Streit.
Mandelstams tyrannisches Verhalten beim Diktat seiner Werke mußte
auf Außenstehende absonderlich und abstoßend wirken. Schwer nachfühlbar
war, daß er selber wie unter Zwang stand: unter dem Diktat eines
herrisch sich äußernden Werks. Er war alles andere als ein Vielschreiber,
lange Schweigeperioden lagen zwischen den fieberhaften Schaffensphasen.
Kamen dann die Worte zum Vorschein, gab es keinerlei Aufschub. Das
ruppige Diktierverfahren bezeichnete die Zeitgenossin Emma Gerstein
als „sadistisches Ritual“. Aber Paare sind komplexe Verbindungen,
für Außenstehende schwer verständliche Phänomene. Im Handkehrum,
wenn es nicht um das Entstehen seiner Werke ging, war Mandelstam
rührend um Nadeschda besorgt. Sie schildert im Kapitel Honigmonat
eine Episode, als die beiden während des Sommers 1921 im georgischen
Batumi am Schwarzen Meer auf einer Terrasse die Nacht verbrachten.
Nadeschda erwachte mehrmals und sah Mandelstam auf einem Stuhl neben
ihrer Matratze sitzen: mit einem Blatt Papier wedelnd und die Moskitos
von ihr wegscheuchend. Und die Memoiristin fügt hinzu: „Gott, hatten
wir es gut zusammen - warum haben sie uns unser Leben nicht gemeinsam
zu Ende leben lassen...“
Der eifersüchtige Patriarch, der Tyrann beim Diktat, der rührend
besorgte Moskitojäger: Die Wirklichkeit von Ehegatten ist vielfältig.
Ihr Zusammenbleiben war dennoch erstaunlich. Denn Nadeschda, die
als junge Frau in den Kreisen der freizügigen, aufbruchsüchtigen
Malereistudenten des revolutionären Kiew verkehrt hatte, wollte
unabhängig sein und sich niemandem unterordnen. Weder Sanftheit
noch Geduld noch besondere Treue seien ihre Eigenschaften gewesen,
immer habe sie Lust auf Abenteuer gehabt, und streiten konnte sie
so gut wie ihr Mann. Wie es Mandelstam gelang, sie dennoch an sich
zu binden - dieses Rätsel wird noch die Autorin des Kapitels Erste
Streitigkeiten umtreiben.
Im Fernseh-Interview von 1973 hielt Nadeschda fest, tagsüber hätten
sie sich oft gestritten, „doch die Nächte waren gut, in den Nächten
haben wir uns geliebt“. Die sexuelle Anziehung zwischen den Partnern
muß stark gewesen sein. Das „physische Gelingen“ dieser Beziehung,
so die Memoiren, habe Mandelstam nicht als Herabsetzung ihrer Liebe
verstanden, sondern im Gegenteil. Ungleich Alexander Blok, der in
seinem Liebesmythos der entrückten „Schönen Dame“ nachhing, habe
Mandelstam seine Liebe mit einem „schlichten Mädchen“ (dewtschonka)
verwirklichen wollen, mit dem „alles zum Lachen, simpel und idiotisch“
sei, aber allmählich jene „äußerste Nähe“ sich entwickle, wo man
sagen könne: „Mit Dir bin ich frei“.
Sexualität war für Mandelstam unverbrüchlich mit dem Leben verbunden,
bedeutete Vitalität. Die Metapher des „geschlechtslosen Raumes“
in einem Woronescher Gedicht von 1935 („Nein, nicht ein Kopfschmerz“;
WH, 55) bezog sich auf den Tod. Geschlechtslosigkeit bedeutete für
ihn Gleichgültigkeit, Unfähigkeit zur Wahl, zu einem moralischen
Urteil. Mandelstams Werk ist in erotischen Dingen zurückhaltend,
und dennoch ist unverkennbar, daß es auch von diesem Feuer sich
nährt. Doch das Erotische entsteht - in den Gedichten für Marina
Zwetajewa, Salomeja Andronikowa, Tinatina Dschordschadse, Olga Arbenina,
Olga Waksel und Maria Petrowych, aber auch für Nadeschda Mandelstam
(„Europas zarte Hände, nehmt euch - alles!“ TR, 127) - in der Evokation
von scheinbaren Nebensächlichkeiten, in verhalten gezeigten, zärtlich
beschworenen körperlichen Details (Stirn, Pupillen und Wimpern,
Hals, Schultern und Hände, Haut). Kein plakatives Vorzeigen regiert,
sondern ein sublimierter, suggestiver Eros.
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„Hast du in Melitopol eine Zuckermelone
gekauft?“
Nadeschda Mandelstam, um 1925,
Foto von Moissej Nappelbaum
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Erst allmählich wuchsen die Mandelstams zu einem
starken, unzertrennlichen Paar zusammen, dessen Liebe die gemeinsame
Freundin Anna Achmatowa, deren drei Ehen durch Scheidung endeten,
immer staunen machte: „Ossip liebte Nadja unglaublich, unvorstellbar.
(...) So etwas ist mir in meinem ganzen Leben nicht wieder begegnet.“
Wer nur das für Außenstehende schwer verständliche, ruppige Diktat
vor Augen hat, dieses angeblich „sadistische Ritual“, muß das Wesen
des Paares verfehlen. Nach der Waksel-Affäre und der großen Ehekrise
sollte diese Liebe sehr bald die beste Möglichkeit zur Bewährung bekommen.
Im September 1925 stellten die Ärzte bei Nadeschda Tuberkulose fest
und rieten ihr dringend, für einige Zeit im Süden zu leben, auf der
Krim, in Jalta, wo schon Anton Tschechow seine Tuberkulose zu kurieren
versuchte. Wir verdanken dieser mehrmonatigen Abwesenheit ein Konvolut
von rund fünfzig Liebesbriefen, die einen fürsorglichen, liebenden
Mandelstam in zärtlichen Alltagsgesten zeigen. Er blieb in Leningrad
und versuchte mit seinen Brotarbeiten, Übersetzungen und Verlagsgutachten,
Nadeschdas Aufenthalt auf der Krim materiell sicherzustellen. Kein
Berufsverband, keine Versicherung übernahm die Kosten: Mandelstam
war seit seinem Austritt aus dem Schriftstellerverband im August 1923
auf sich allein gestellt. Als Nadeschda am 1. Oktober 1925 nach Jalta
fährt, bezieht Mandelstam ein kleines Zimmer in der Wohnung seines
Bruders Jewgenij auf der Wassilij-Insel, 8. Straßenlinie, Nr. 31.
In dem Haushalt lebten, nach dem frühen Tod von Jewgenijs erster Ehefrau
Nadeschda Darmolatowa, auch dessen Schwiegermutter und die fünfjährige
Tochter Tatka (Natascha), aber auch der Vater Emil Mandelstam.
Mandelstams Briefe an Nadeschda von 1925 und 1926 sind Lageberichte
vom zermürbenden Kampf um Geld, gespickt mit Aufzählungen der Rubelbeträge,
die die literarische Plackerei voraussichtlich einbringen würde. Und
es sind immer wieder sich überbietende Liebesbotschaften. In zahlreichen
Verkleinerungsformen und Abwandlungen des Namens Nadeschda (das russische
Wort für „Hoffnung“) schöpft Mandelstam die sprachlichen Möglichkeiten
des Zärtlichseins aus: Nadja, Nadka, Nadinka, Nadjuschka, Naditschka
usw. Häufig sind auch die grammatisch eindeutigen Vermännlichungen
des Namens: Nadik, Nadjuschok, Nadjonysch. Diese ruppig-zärtlichen
Nuancen kennt nur das Russische. Überhaupt ist der Wechsel des Geschlechts
ein Grundmotiv in diesem Liebesgespräch. So wird sich Mandelstam sehr
oft den weiblichen Spitznamen „Njanja“ (Kindermädchen) geben, zuweilen
aber auch von diesem weiblichen Wort ins verballhornte Männliche zurückhüpfen:
„Dein Njan“.
Die zärtlichen Kosenamen für Nadeschda sind Legion: „Tierchen“ und
„Täubchen“, „Schwälbchen“ und „Schäfchen“, aber auch „Sönnchen“, „liebes
kleines Krummchen“, „Krummbeinchen“, „mein Stotterchen“. Ihre Gesichtszüge
kommen immer wieder ins Spiel, ihr breiter Mund, ihre gewölbte Kinderstirn,
aber auch andere Körperteile: „Härchen“, „Pfötchen“, „Äugelchen“,
„Schulterchen“, „Beinchen“ in jener kopflosen Albernheit, die Liebenden
eigen ist. Der formenreiche russische Diminutiv prägt diese Alltagsversion
des Hoheliedes: „Ich küsse deine Granatäpfelchen“ (MR, 104).
Alle Familienrollen - die beiden hatten keine Kinder - spielten sie
aneinander durch. Sie ist sein Kind, sein Kindchen, sein Töchterchen,
sein Schwesterchen, einmal aber auch sein „Söhnchen“ (MR, 116). Er
ist ihr „Freund“, „Bruder“, „Mann“, aber eben auch ihre „Njanja“,
ihr Kindermädchen. Nadeschda war für ihn schlicht: „Mein Leben: versteh
doch, daß Du mein Leben bist!“ (am 11. November 1925). Einmal postuliert
er eine Identität der Liebenden: „Daß ich durch und durch Du und um
Dich herum bin“ (12. Februar 1926), ein andermal eine gemeinsame Atemluft
(10. März 1926). Immer wieder beschwört er den Schutz, den diese Liebe
beiden gewähren soll: „Die Liebe behütet uns, Nadja. Wir brauchen
vor nichts Angst zu haben“ (7./8. Februar 1926). Und das Lebensfazit:
„Um so zu lieben, lohnt sich das Leben, Nadik-Nadik!“ (5. März 1926).
Mandelstam versuchte sie zu trösten. Er selber litt stark unter der
für ihre Gesundheit notwendigen Trennung. Die Briefe an Nadeschda
waren seine Atempausen im Kampf noch um den geringsten Rubelbetrag.
Der Ton der Liebesbriefe aber ist meist fröhlich. Sie bezeugen immer
wieder eine unbändige Lebensfreude. Mandelstam war ein dem Leben und
seinen kleinen Genüssen zugewandter Dichter und forderte Nadeschda
ebenfalls zu dieser Lebensphilosophie auf: „Hast Du in Melitopol eine
Zuckermelone gekauft? Mein Kindchen, freu Dich am Leben, wir sind
glücklich, freu Dich wie ich auf unser Wiedersehen“ (am 15. Oktober
1925). Das Rätsel von Mandelstams „unbändiger Lebensfreude“ und „geistiger
Heiterkeit“ - bei aller Tragik seiner Lebensumstände - wird die Memoiristin
Nadeschda immer wieder zutiefst verwundern.
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