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Überraschung als poetisches Prinzip,
Kontinuität als editorische Losung
Ein Rückblick auf 20 Jahre Mandelstam-Projekt
Die Einzelbände der zehnteiligen Ossip-Mandelstam-Gesamtausgabe
des Ammann Verlages erschienen in den Jahren 1985 bis 2000. Aus
Anlaß der 3. Auflage der ersten beiden Bände Das Rauschen
der Zeit (Gesammelte „autobiographische“ Prosa der 20er
Jahre) und Mitternacht in Moskau (Die Moskauer Hefte. Gedichte
1930-1934) im Herbst 2004 ist es angebracht, einen Rückblick
auf die Entstehungsgeschichte dieses Editionsprojekts zu geben,
Fragen von Lesern zu beantworten und die Neuauflage von Mitternacht
in Moskau um einige Notizen zu ergänzen.
Als der Verleger Egon Ammann und der
Herausgeber Ralph Dutli 1984 die Gesamtausgabe der Lyrik, Prosa,
Essays und Briefe Ossip Mandelstams vereinbarten, begann ein editorisches
Abenteuer, das gewiß nicht ohne Hindernisse und materielle
Engpässe verlief, aber schließlich belohnt wurde vom
Glück, das Projekt vollendet zu sehen. Es bedeutete die Entdeckung
einer eigenständigen und zugleich aus vielen Quellen sich nährenden
poetischen Welt, der Welt des russisch-jüdischen Dichters Ossip
Mandelstam (1891-1938). Und darüber hinaus: die Entdeckung
eines Kontinents der klassischen Moderne.
Verleger und Herausgeber waren sich
einig, daß auch die Erscheinensweise der Bände ein Abenteuer
voller Überraschungen für den Leser werden sollte. Auf
keinen Fall sollte sich ein konventionelles, nach literarischen
Genres geordnetes Editionsprogramm abspulen: 1. die Gedichte; 2.
die Prosa; 3. die Essays; 4. die Briefe. Die Genres sollten abwechseln,
die Schaffensperioden in zeitlichen Sprüngen nach vorn und
zurück, also nicht-chronologisch, in einer Zickzack- oder Spiralbewegung
sich erschließen. Vorgeschwebt haben uns auch zunächst
eigenständig erscheinende Mosaik-Teile, deren Zusammenwirken
erst zum Schluß den Blick auf das Ganze von Mandelstams Werk
freigeben sollte.
Das Motiv der Überraschung des
Lesers entsprach dem Mandelstamschen Konzept des „reinen Staunens“,
dem er wesentliche dichterische Qualitäten zuschrieb. In seinem
Manifest-Essay Der Morgen des Akmeismus von 1913 heißt
es:
„Die Fähigkeit zu staunen ist die Haupttugend des Dichters.
Aber wie soll man denn nicht ins Staunen geraten über dieses
fruchtbarste aller Prinzipien – das Prinzip der Identität.
Wer durchdrungen ist von ehrfürchtigem Staunen über dieses
Prinzip, der ist zweifellos ein Dichter. So erhält die Poesie,
wenn sie die Souveränität des Identitätsprinzips
anerkennt, ohne Bedingungen und Einschränkungen alles Seiende
als Lehnsbesitz auf Lebenszeit. Die Logik ist das Reich des Unerwarteten.
Logisch denken heißt: unablässig staunen“ (im Band:
Über den Gesprächspartner, Gesammelte Essays I: 1913-1924,
S. 21f.).
Das „Reich des Unerwarteten“ und eine scheinbar paradoxe,
aber organische, in sich schlüssige Logik sollten auch dem
Leser als „Lehnsbesitz auf Lebenszeit“, in Form einer
anwachsenden, sich erweiternden und vertiefenden Edition zufallen.
Die Überraschung als poetisches Prinzip eignete sowohl dem
Werk als auch der Person Mandelstams. In Lidija Ginsburgs Tagebüchern
ist Anna Achmatowas respekt- und liebevoll ironischer Ausspruch
überliefert: „Ossip ist ein Schrank voller Überraschungen.“
Daß eine zunächst nicht-chronologische,
nicht voraussehbar nach Genres geordnete Editionsweise einen mitdenkenden,
anspruchsvollen Leser voraussetzt, versteht sich. In einem seiner
ersten Essays, Über den Gesprächspartner von 1913,
sprach Mandelstam von einem idealen Leser, vom „Finder der
Flaschenpost“ und „providentiellen Gesprächspartner“:
„Der Brief in der Flasche ist an denjenigen adressiert, der
sie findet. Ich habe sie gefunden. Dies bedeutet, daß ich
auch der heimliche Adressat bin“ (im Band: Über den
Gesprächspartner, S. 9).
Mandelstam war bewußt Dichter
und Adressat, Flaschenpost-Autor und Flaschenpost-Finder, das heißt
Leser. Vom mitwirkenden Leser aber hatte er eine hohe Vorstellung.
Im Essay Eine Armee von Dichtern von 1923 hielt er fest:
„... daß der Titel eines Lesers nicht weniger
achtbar ist als der Titel des Dichters“ (im Band: Über
den Gesprächspartner, S. 225).
Hier sind zunächst die Etappen
dieser Reise durch Mandelstams Werk in der chronologischen Reihenfolge
des Erscheinens der Bände:
| 1985: |
Das Rauschen der Zeit.
Gesammelte „autobiographische“ Prosa
der 20er Jahre |
| 1986: |
Mitternacht in Moskau.
Die Moskauer Hefte. Gedichte 1930-1934 |
| 1988: |
Der Stein. Frühe
Gedichte 1908-1915 |
| 1991: |
- Über den Gesprächspartner.
Gesammelte Essays I: 1913-1924 |
|
- Gespräch über
Dante. Gesammelte Essays II: 1925-1935 |
| 1993: |
Tristia. Gedichte
1916-1925 |
| 1994: |
Armenien, Armenien!
Prosa, Notizbuch, Gedichte 1930-1933 |
| 1996: |
Die Woronescher Hefte.
Letzte Gedichte 1935-1937 |
| 1999: |
Du bist mein Moskau
und mein Rom und mein kleiner David.
Gesammelte Briefe 1907-1938 |
| 2000: |
Die beiden Trams.
Kinder- und Scherzgedichte, Epigramme auf Zeitgenossen 1911-1937 |
| 2001: |
Das Gesamtwerk in zehn
Bänden (im Schmuckschuber) |
Aus Rechtsgründen konnten die Bände zu Beginn
des Projekts nicht numeriert werden, weil ein Teil der Texte nicht
frei war und noch keine vorauswirkende Abdruckgenehmigung vorlag:
1983 waren in der „Bibliothek Suhrkamp“ der Prosaband
Die Reise nach Armenien, 1984 der Gedichtband Schwarzerde
(63 Gedichte aus den Woronescher Heften) in Ralph Dutlis
Übertragung erschienen. Zumindest die Rechte an den Übertragungen
der Woronescher Gedichte sind inzwischen vollumfänglich beim
Ammann Verlag, für den Armenien-Band erfolgte eine Abdruckgenehmigung
für Die Reise nach Armenien durch den Suhrkamp Verlag.
Einige Leser und Besitzer der Gesamtausgabe,
aber auch Bibliotheken, fragten uns an, wie die Ausgabe in unseren
Augen gegliedert sei. Heute, nach Abschluß des Editionsprojekts,
läßt sich folgende Gliederung nach literarischen Genres
und nach der Chronologie der Entstehungsdaten der Werke aufstellen,
die sich symmetrisch in fünf Gedichtbände und fünf
Prosabände teilt:
| Band 1: |
Der Stein. Frühe
Gedichte 1908-1915 |
| Band 2: |
Tristia. Gedichte
1916-1925 |
| Band 3: |
Mitternacht in Moskau.
Die Moskauer Hefte. Gedichte 1930-1934 |
| Band 4: |
Die Woronescher Hefte.
Letzte Gedichte 1935-1937 |
| Band 5: |
Die beiden Trams.
Kinder- und Scherzgedichte, Epigramme auf Zeitgenossen 1911-1937 |
| Band 6: |
Das Rauschen der Zeit.
Gesammelte „autobiographische“ Prosa
der 20er Jahre |
| Band 7: |
Armenien, Armenien!
Prosa, Notizbuch, Gedichte 1930-1933 |
| Band 8: |
Über den Gesprächspartner.
Gesammelte Essays I: 1913-1924 |
| Band 9: |
Gespräch über
Dante. Gesammelte Essays II: 1925-1935 |
| Band 10: |
Du bist mein Moskau
und mein Rom und mein kleiner David.
Gesammelte Briefe 1907-1938 |
Nun scheint das Dezimalsystem für eine Ordnung
der Bände uns doch noch eingeholt zu haben, das Dezimalsystem,
das aber so künstlich nicht sein kann, weil es einen organischen
Ursprung hat, den zehn Fingern zweier Hände sich verdankt.
Zwei ganze Hände sollen in der zehnbändigen, fünf
Gedicht- und fünf Prosabände umfassenden Mandelstam-Gesamtausgabe
sich spiegeln dürfen, als magische Präsenz, als organisches
Instrument poetischer Beschwörung, als Sinnbild des freundschaftlichen
Grußes, der Hand-Reichung.
Paul Celan schrieb einmal: „Nur
wahre Hände schreiben wahre Gedichte. Ich sehe keinen Unterschied
zwischen Händedruck und Gedicht.“ Und er fährt fort:
„Gedichte, das sind auch Geschenke – Geschenke an die
Aufmerksamen. Schicksal mitführende Geschenke“ (Brief
an Hans Bender, 18. Mai 1960). Als „Schicksal mitführende
Geschenke“ verstanden sich in aller Bescheidenheit auch die
Bände der Mandelstam-Ausgabe.
Im Herbst 2003 erschien als Schlußstück
des Mandelstam-Projekts im Ammann Verlag die international erste,
umfassende Werkbiographie des russischen Dichters: Ralph Dutli,
Meine Zeit, mein Tier. Ossip Mandelstam. Eine Biographie.
Nun war das Mosaik von Mandelstams Werk und Lebensweg, sein Lebens-Werk
also, noch einmal einem Überblick, einer Erzählung, einer
Deutung ausgesetzt. Viele gute Besprechungen und Leserzuschriften
belegten, daß die „Flaschenpost“ angekommen war.
Dafür sind wir dankbar.
Ralph Dutli, im Juli 2004
Notiz zur dritten Auflage (2004)
des Bandes
Mitternacht in Moskau
Die Moskauer Hefte.
Gedichte 1930-1934
Als die Notizen für den 1986 erstmals erschienenen
Mandelstam-Band Mitternacht in Moskau
geschrieben wurden, war die Sowjetunion noch nicht in der Ära
von Glasnost und Perestrojka angekommen. Die Kreml-Greise Andropow
und Tschernenko waren noch an der Macht und starben rasch einander
nach. Wir konnten damals schreiben: „Rund die Hälfte der
hier versammelten Gedichte sind in der Sowjetunion noch immer unveröffentlicht“.
Dann fand eine Phase historischer
Beschleunigung statt. Als Michail Gorbatschow im März 1985
zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde, konnte noch
niemand ahnen, daß dieser Wechsel tiefgreifende Veränderungen
für die russische Literatur bedeuten würde. Eine Perestrojka-Literatur
entstand, Appelle zu Aufklärung und Vergangenheitsbewältigung.
Doch die neue Literatur war nicht nur der verspäteten Entstalinisierung
verpflichtet. Im Zuge der Glasnost-Politik wurde lange Verfemtes
und Verbotenes rehabilitiert. Die Literatur des „Silbernen
Zeitalters“, der russischen Avantgardisten und der Exilanten
kehrte jetzt triumphal zurück. Joseph Brodskys Diktum, daß
Schriftsteller immer zurückkehren, wenn nicht selber, dann
auf dem Papier, bewahrheitete sich, und selbst der Teufel Voland
aus Michail Bulgakows Roman Der Meister und Margarita schien
nun mit seiner Behauptung gerechtfertigt: „Manuskripte brennen
nicht“. Die russische Literatur trat ihre Wiedervereinigung
an.
Als einer der letzten kam auch der
wegen eines Anti-Stalin-Gedichtes verfolgte und 1938 in einem Transitlager
des Gulag bei Wladiwostok umgekommene Ossip Mandelstam in der Spätphase
von Gorbatschows Glasnost-Politik zu einer erstmals unzensierten
zweibändigen Ausgabe (herausgegeben von P. Nerler, mit einem
Vorwort von S. Averincev, Verlag „Chudožestvennaja literatura“,
Moskau 1990). Zu seinem 100. Geburtstag am 15. Januar 1991 schien
Mandelstam nach Rußland zurückgekehrt zu sein. Daß
es keine einfache und unangefochtene Rückkehr war, ist bezeichnend
für den „Sonderling“ Ossip Mandelstam: Die Geschichte
der Rettung des Archivs, der Verbreitung der Werke im Untergrund
des Samisdat, der späten Rückkehr und der endlich erfolgenden
Veröffentlichung wird geschildert in den letzten beiden Kapiteln
meiner Mandelstam-Biographie Meine Zeit, mein Tier (2003):
Es sind die Kapitel 24 („Nadeschda macht sich unsichtbar“)
und 25 („Rückkehr aus dem Untergrund“).
Im folgenden finden sich einige zusätzliche
Notizen zur Neuauflage von Mitternacht in Moskau
(Die Moskauer Hefte. Gedichte 1930-1934). Denn die Überraschung
als poetisches Prinzip sollte mit der Kontinuität als editorischer
Losung verknüpft werden. Heute befinden wir uns in einer anderen
Editionslage als 1984 zu Beginn des Mandelstam-Projekts. Nach der
Auflösung der Sowjetunion (in der Folge des mißglückten
August-Putsches 1991) erschienen mehrere, keiner Zensur mehr unterworfene
Ausgaben:
- die vierbändige Edition von P. Nerler, A. Nikitaev, S.
Vasilenko, Ju. Frejdin (Verlag „Art-Business-Center“,
Moskau 1993-1997);
- die einbändige, vollständige Gedichtausgabe von A.
Mec, Vorwort von M. Gasparov (Verlag “Akademiceskij Proekt“,
Reihe „Novaja Biblioteka Poeta“, Sankt Petersburg 1995);
- eine umfassende textkritische Mandelstam-Edition unter der Leitung
von M. Gasparov ist in Vorbereitung.
Aber auch die Funde von V. Šentalinskij in den
KGB-Archiven (erstmals veröffentlicht in der Zeitschrift „Ogonëk“,
1991, Nr. 1; in Buchform russisch 1995, deutsch 1996) förderten
in einigen Fällen neue, von den in Nadeschda Mandelstams Gedächtnis
verwahrten Gedichtfassungen abweichende Versionen zutage.
S. 9-31, 35-41, 75, 85-89, 93-97: Die Gedichte des Armenien-Zyklus
sowie Gedichte aus dessen Umkreis, v. a. Kanzone und Der
Kutscher, aber auch die Fragmente aus vernichteten Gedichten,
I-V wurden – als zum erweiterten „Armenien-Komplex“
gehörende Texte - auch in den 1994 erschienenen Mandelstam-Band
Armenien, Armenien! (Prosa, Notizbuch, Gedichte 1930-1933)
aufgenommen und dort im Lichte neuerer Studien und Funde in biographischer,
politischer und poetologischer Hinsicht eingehender kommentiert
(dort auf S. 185 bis 196).
S. 69: Das ironische bis sarkastische Trinklied ist eine
kleine „Hymne auf Europa“. Die italienische und die französische
Weinsorte am Schluß sind Sinnbilder für die westeuropäische
Kultur insgesamt. Dazu: Ralph Dutli, Ein Fest mit Mandelstam.
Über Kaviar, Brot und Poesie. Ein Essay zum 100. Geburtstag,
Ammann Verlag 1991, S. 53-57, und R. D., Europas zarte Hände.
Essays über Ossip Mandelstam, Ammann Verlag 1995, S. 127-130.
S. 83: Ein von dem spätmittelalterlichen Poeten und
Vagabunden François Villon (1431-1463?) inspiriertes Manifest
der Aufsässigkeit, der Widerspenstigkeit, der Vitalität.
Dazu der Essay Gruß an den Friseur in: R. D., Europas
zarte Hände, S. 81-100.
S. 139-141: Das Gedicht An die deutsche Sprache führt,
als Brückenschlag zwischen den Zeiten und Sprachen, ins Jenseits
der Dichter und nach Frankfurt, wo im jüdischen Ghetto einst
vermutlich Mandelstams Vorfahren lebten. Es träumt eine Begegnung
von jüdischer Mystik mit dem deutschen 18. Jahrhundert der
Aufklärung, eine Hochzeit von Kabbala und Ratio. In der 7.
Strophe („Die fremde Sprache wird mir einst zur Hülle,
/ Und lang bevor ich’s wagte: das Geborensein, / Da war ich
Letter, war ich Traubenzeilen-Fülle, / Ich war das Buch, das
euch im Schlaf erscheint“) gemahnt es an die Thora, die für
die Juden Vor-Existenz ist, die der Wirklichkeit vorausgehende Schrift.
Die „Traubenzeile“ beschwört die Traube, die die
Kundschafter aus dem Gelobten Land zurückbrachten (Numeri,
IV. Buch Mose, 13) als Symbol der Verheißung und künftiges
Sinnbild des Volkes Israel (dazu: R. D., Ein Fest mit Mandelstam,
S. 75-79). Das Gedicht ist aber auch eine versteckte Hommage an
Mandelstams Mutter und seinen Vater: Erinnerung an Emilij-Chazkel
Mandelstams Begeisterung für die deutschen Dichter und an das
Haskala-Judentum der Familie seiner Mutter (dazu: R. D., Meine
Zeit, mein Tier. Ossip Mandelstam. Eine Biographie, S. 382-384).
Die Quelle des zweifachen rätselhaften Anrufs „Gott-Nachtigall“
(Verse 31 und 33) – „Nachtigall“ erscheint im russischen
Gedicht als deutsches Wort, kyrillisch geschrieben - wurde entschlüsselt
von Omry Ronen (in „Literaturnoe Obozrenie“ 1991, Nr.
1, S. 17): Es ist Heinrich Heines Gedicht Im Anfang war die Nachtigall,
das in der Anfangszeile das Johannes-Evangelium anklingen läßt
(„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott“)
und die Selbstopferung der Nachtigall für die Vögel des
Waldes beschwört („Sie biß sich in die Brust, da
floß / Ihr rotes Blut, und aus dem Blut / Ein schöner
Rosenbaum entsproß; / Dem singt sie ihre Liebesglut.// Uns
Vögel all in diesem Wald / Versöhnt das Blut aus jener
Wund; / Doch wenn das Rosenlied verhallt / Geht auch der ganze Wald
zugrund“). Die russischen Wörter für „Nachtigall“
(solovej) und „Wort“ (slovo) werden bei Mandelstam assoziativ
verknüpft, gehuldigt wird dem „Gott des Wortes“,
der in der russischen Sprache lautlich in die Nähe der Nachtigall
rückt. Mandelstams Gedicht An die deutsche Sprache ist
nicht zuletzt ein Gruß an Heinrich Heine, der sich ebenfalls
aus dem Element der eigenen (deutschen) Sprache in die (französische)
Fremdsprache aufmachte. Die Poesie vereint Ewald Christian von Kleist
(1715-1759; „der deutsche Offizier“ in Vers 10, Dichter
und Soldat, Freund Lessings, fiel im Siebenjährigen Krieg in
der Schlacht gegen die Russen bei Kunersdorf), Heinrich Heine (1797-1856)
und Ossip Mandelstam zu einer Dichtergestalt. Mandelstams
Gedicht sieht im August 1932 – im Jahr vor Hitlers Machtergreifung!
– „neue Pest“ und „sieben Jahre Blut“ kommen
und formuliert in der letzten Strophe dennoch sein Vertrauen in
die deutsche Sprache und in das Ur-Buch der Poesie („Du aber
lebst, und ich – der in dir ruht“).
S. 143: Das politische Gedicht ist gegen die Aushungerung
der Bauern im Rahmen von Stalins erstem Fünfjahrplan gerichtet.
Der mit letzterem vorangetriebenen Zwangskollektivierung der Landwirtschaft,
einschließlich der „Liquidierung der Kulakenklasse“,
der Mittel- und Großbauern, fielen etwa elf Millionen Menschen
zum Opfer. Darauf spielt auch das Anti-Stalin-Gedicht von November
1933 an (S. 165), wo Stalin als „Seelenverderber“ und
„Bauernschlächter“ bezeichnet wird. Mandelstams Krim-Gedicht
gelangte ins Untersuchungsdossier, als er nach seiner ersten Verhaftung
am 16./17. Mai 1934 in der Moskauer Lubjanka verhört wurde.
Er mußte dem Untersuchungsbeamten den Gedichttext diktieren;
der schrieb es auf, und Mandelstam hatte es mit seiner Unterschrift
zu autorisieren. Die im KGB-Archiv verwahrte Textversion wurde erstmals
veröffentlicht in der Zeitschrift „Ogonëk“ 1991,
Nr. 1. Die Abweichungen von der durch Nadeschda Mandelstam überlieferten
Version betreffen die Verse 1, 3, 4, 8 und 11: statt „die hungrige
Stadt Staryj Krym“ (golodnyj Staryj Krym) – „die
brotlose verschüchterte Krim“ (beschlebnyj robkij Krym;
V. 1); statt „Schäferhunde im Hof“ (ovcarki na dvore)
– „kleine Klumpen auf der Erde“ (komocki na zemle;
V. 3); statt „der gleiche gräuliche, beißende Rauch“
(takoj že seren’kij, kusajušcijsja dym) – „der
immergleiche säuerliche, beißende Rauch“ (vsë
tot že kislen’kij, kusajušcijsja dym; V. 4); statt
„durch die gestrige Dummheit verschönt der Mandelbaum“
(vcerašnej glupost’ju ukrašennyj mindal’) –
„durch die österliche Dummheit verschönt“ (paschal’noj
glupost’ju; V. 8); statt „in Filzschuhen die hungernden
Bauern“ (v tufljach vojlocnych golodnye krest’jane) –
„auf der filzartigen Erde die hungernden Bauern“ (na vojlocnoj
zemle golodnye krest’jane; V. 11). In einer frühen Variante
stand laut Nadeschda Mandelstam in Vers 5 - politisch expliziter,
dann durch Selbstzensur verworfen - statt „verstreute Ferne“
(rassejannaja dal’) – „erschossene Ferne“ (rasstreljannaja
dal’).
S. 165: Das Anti-Stalin-Gedicht von November 1933, die Umstände
seiner Entstehung und Verbreitung sowie die fatalen Konsequenzen
für Mandelstam sind Gegenstand des 20. Kapitels der Mandelstam-Biographie
Meine Zeit, mein Tier, S. 402-434 („Verfluchte Wohnung“,
Moskau/Tscherdyn 1933-1934).
S. 217: Das laut Anna Achmatowa „schönste Liebesgedicht
des 20. Jahrhunderts“ fand sich nach dem Tod der Adressatin
Marija Petrowych (1908-1974) auch in deren Familienarchiv, mit dem
Datum 13./14. Februar 1934. Die einzige wesentliche Abweichung von
der durch Nadeschda Mandelstam überlieferten Fassung betrifft
den viertletzten Vers: statt „Du, Maria – den Untergehenden
eine Hilfe“ (Ty, Marija – gibnušcim podmoga) steht
dort „Unsere Zärtlichkeit – den Untergehenden eine
Hilfe“ (naša nežnost’ - gibnušcim podmoga).
Es könnte sich aber auch um eine frühere Fassung handeln.
Insgesamt waren die Gedächtnislücken
Nadeschda Mandelstams nicht sehr zahlreich, und der Akt der Rettung
und Bewahrung, den sie mit ihrer Gedächtniskraft leistete,
bleibt staunens- und schätzenswert, was ihre Kritiker allzuoft
vergessen. Dazu noch einmal das 24. und das 25. Kapitel der Mandelstam-Biographie
Meine Zeit, mein Tier („Nadeschda macht sich unsichtbar“
und „Rückkehr aus dem Untergrund“).
In einem Fall jedoch irrte Nadeschda
Mandelstam, deren Aufzeichnungen das Textkorpus und die Reihenfolge
der Gedichte in unserem Band Mitternacht in Moskau von 1986
bestimmten: Das Gedicht „Nein, nicht ein Kopfschmerz –
und doch, reich ihn her, den Mentholstift“ (Net, ne migren’
– no podaj karandašik mentolovyj) datierte sie auf „23.
April – Juli 1935“ und rückte es an den Schluß
des ersten der drei Woronescher Hefte; in unserer Ausgabe
steht es folglich im Band Die Woronescher Hefte. Letzte Gedichte
1935-1937, S. 55. Alle Editoren sind sich inzwischen aufgrund
von Autographen-Funden einig, daß es am 23. April 1931 entstand
und somit in den Kontext der Moskauer Hefte gehört.
Es käme somit im Band Mitternacht in Moskau zwischen
die Gedichte Der Konzertflügel (16. April 1931), auf S. 71,
und „Nun bewahr es, auf immer, mein Wort“ (3. Mai 1931),
auf S. 73, zu stehen.
R. D.
PRESSESTIMMEN
Ossip Mandelstam
Das Gesamtwerk in zehn Bänden
Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Ralph
Dutli. Ammann Verlag, Zürich 2001
„Diese Ausgabe bietet einfach alles, was ein Leserherz begehrt:
elegante Buchausstattung und exzellente Nachworte, ausgiebige Anmerkungen,
sorgfältige Chronologien und verläßliche Register;
natürlich sind die Gedichte zweisprachig abgedruckt; und die
Übersetzungen gehören nach Einfallsreichtum und Formbewußtsein
zu den verborgenen Glanzleistungen.“
Andreas Isenschmid, Tages-Anzeiger
„... daß der Gesang des ‚modernen Orpheus’
(so Joseph Brodsky) auch unsere westlichen Gestade erreicht hat,
verdanken wir Ralph Dutlis grandioser Mandelstam-Ausgabe.“
Michael Braun, Frankfurter Rundschau
„Das hat man sich Jahrzehnte lang gewünscht: eine richtige
Mandelstam-Ausgabe. Die nun abgeschlossene zehnbändige Ausgabe
im Ammann-Verlag stellt eine ganz unvergleichliche Leistung dar.“
Alexander von Bormann, Tagesspiegel
„... mit Meisterschaft ins Deutsche übertragen. Beeindruckend
ist vor allem die Originaltreue der Übersetzungen, die die
verschiedenen Sinnpotenzen von Mandelstams Texten auch dem deutschen
Leser zugänglich macht.“
Ulrich M. Schmid, Neue Zürcher
Zeitung
PRESSESTIMMEN
Ralph Dutli: Meine Zeit, mein Tier.
Ossip Mandelstam. Eine Biographie.
Ammann Verlag, Zürich 2003
„Ralph Dutlis große Mandelstam-Biografie ist wirklich
ein Meilenstein. Nicht nur ein Buch, in dem man sehr viel lernen
und einen bedeutenden Künstler kennenlernen kann, sondern selber
fast schon ein Roman, wunderbar geschrieben, packend und von großer
Anschaulichkeit.“
Iris Radisch, HR-Fernsehen
„Die Biografie ist ein Krimi, ein souveränes Plädoyer
für die Sache der Dichtung, eine große Liebesgeschichte.
Sie ist erschütternd und macht zugleich glücklich. Denn
daß diese Stimme überlebt hat, ist ein Wunder.“
Rudolf Schmitz, HR-Fernsehen
„Es gibt Augenblicke, in denen man diese Biografie des Dichters
Ossip Mandelstam vor Schmerz beinahe zur Seite legen muß.
Und es gibt Augenblicke, in denen man bei der Lektüre vor Glück
die Verse, die der Verfasser so ausgiebig zitiert, fast singen möchte.
Noch nie ist einem deutschen Publikum dieser Tod und jede Einzelheit
des Weges zu ihm so genau und so taktvoll, so kenntnis- und ideenreich
beschrieben worden. Man ist über sechshundert Seiten von Dutlis
schneller, muskulöser, warmer und farbiger Sprache gefangen...“
Andreas Isenschmid, Die Zeit
„Als Herausgeber und Übersetzer der bahnbrechenden Mandelstam-Werkausgabe
des Zürcher Ammann-Verlages hat Dutli den Blick auf ein poetisches
Massiv der Moderne freigelegt; er ist damit auch zum Biografen prädestiniert.
Dutli zeichnet das Mandelstam-Wunder nach. Daneben beleuchtet das
Buch aber auch die anderen, oft übersehenen Gesichter des Ossip
Mandelstam: den übermütigen Spötter und den leidenschaftlichen
Liebhaber, den unbekümmerten Schnorrer und den sendungsbewußten
Egoisten, den sinnenfrohen Hedonisten und das verspielte Kind im
Mann. Und es beschwört das Bild eines visionären Europäers...“
Rainer Traub, Der Spiegel/Special
– Bücher
„Ralph Dutlis Mandelstam-Buch darf als mustergültige Dichterbiografie
gelten. Aus dem Zusammenspiel von biografischer Erzählung,
subtiler Deutung der Gedichte und fotografischem Bildmaterial entsteht
in Dutlis Buch das Lebensbild eines Dichters, der die Ausdrucksmöglichkeiten
der Lyrik im 20. Jahrhundert entscheidend erweitert hat.“
Ulrich M. Schmid, Neue Zürcher
Zeitung
DICHTER ÜBER MANDELSTAM
„Ein Sonderling? Natürlich ein Sonderling. Die tragische
Figur eines ganz seltenen Dichters, der auch in den Jahren der Woronescher
Verbannung Gedichte von unsagbarer Schönheit und Kraft schrieb.“
Anna Achmatowa
„Ossip Mandelstam - ein herrlicher Dichter, der größte
von allen, die in Rußland unter der Sowjetherrschaft zu überleben
versuchten.“
Vladimir Nabokov
„Mandelstamm: selten noch habe ich, wie mit seiner Dichtung,
das Gefühl gehabt, einen Weg zu gehen - einen Weg zu gehen
an der Seite des Unwiderlegbaren und Wahren, und dies dank ihm.“
Paul Celan
„Mandelstam hat uns eine der glücklichsten Dichtungen
des Jahrhunderts geschenkt...“
Pier Paolo Pasolini
„Die Welt muß diese nervöse, hohe, reine Stimme
erst noch hören, eine Stimme, in der Liebe, Schrecken, Erinnerung,
Kultur, Glaube mitschwingen, zitternd vielleicht wie ein brennendes
Streichholz bei starkem Wind und doch gänzlich unlöschbar.
Eine Stimme, die bleibt, auch wenn ihr Besitzer nicht mehr ist.
Er war, ist man versucht zu sagen, ein moderner Orpheus: er wurde
zur Hölle geschickt und kehrte nicht zurück...“
Joseph Brodsky
„Der großartigste Lobgesang auf die Herrschaft, die dichterische
Imagination ausübt. Wie immer schreibt Mandelstam jubelnd und
überzeugend. Mandelstam bringt Dante aus dem Pantheon zurück
zum Gaumen.“
Seamus Heaney
„Mandelstams Verse haben die Qualität der klugen Wiegenlieder,
sie trösten, indem sie das Denken beflügeln. Die Leichtigkeit
inmitten der historischen Katastrophe, diese an Wahnsinn grenzende
Musikalität, während der Weltgeist lärmt und die
revolutionäre Phrase alles verschlingt: kein anderer hat einen
so komplexen Ausdruck dafür gefunden. (...) Er haucht allem
Leben ein und tränkt es mit Psyche und Zeit. Alles ist ihm
zum Weinen vertraut. Ich hoffe, daß die Zukunft Mandelstam
gehört...“
Durs Grünbein
© 2004 Ammann Verlag & Co., Zürich
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